Von Emil Preetorius

An Ausstellungen von Kinderzeichnungen in aller Art und Welt ist heute gewiß kein Mangel. Und insofern ist diese Münchener Darbietung der Internationalen Jugend-Bibliothek kein neues, auffälliges Ereignis. Was sie zu etwas Besonderem macht, ist aber das Thema, auf das zum ersten Male die Bemühungen der kindlichen Bildner einheitlich versammelt sind. Und dies Thema ist das eigene Selbst. Denn dies Selbst ist dem kindlichen Wesen ein sehr fern liegendes Objekt: sein Augenmerk im wörtlichen und übertragenen Verstande, sofern es unbeeinflußt bleibt, ist von sich selbst fort und nach außen, zum andern hin gerichtet. Die alte psychologische Wahrheit, daß das Du älter ist als das Ich, sie gilt gerade auch für alles bildnerische Erfassen. Und daher rührt es denn, daß die Stoffe, die Themen der ersten kindhaften Kritzeleien, der ersten tastenden Zeichenversuche überall ähnlich sind: beim Kinde in Berlin wie in New York, in Peking, Paris oder Sydney, in Stadt oder Land. Es sind allemal Papa und Mama, Geschwister und Kameraden, der Wau-Wau, die Puppe, Stuhl, Tisch, Garten oder was immer als umgebendes Außen, als vertrautes Gegenüber dem aufnahmewilligen kindlichen Blick sich bietet.