Von Joachim Günther

Simone Weil: Schwerkraft und Gnade. (Kösel Verlag, Manchen, 292 S., Leinen 12,80 DM.)

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Hierin liegt der wahrhaftige Beweis von der Göttlichkeit des Christentums", und an anderer Stelle: "Wenn ich an die Kreuzigung denke, begehe ich jedesmal die Sünde des Neides" – das sind grell zugespitzte Gedanken, wie man sie kaum von einem weiblichen und noch dazu recht jugendlichen Kopf erwarten würde. Die Frau, die sie gedacht und ausgesprochen hat, ist nur vierunddreißig Jahre alt geworden. Sie war eine jüdische Französin, Lehrerin am Lyzeum in Le Puy und starb während des Krieges in England, weil sie sich selbst auf die damaligen französischen Lebensmittelrationen herabgesetzt hatte und schon durch unablässige physische und geistige Überanstrengungen, ein Martyrium an Kopf- und Körperschmerzen, geschwächt war. Der Geist jedoch, der in diesem zerbrechlichen, unansehnlichen Gefäß seine Wohnung gehabt hat, besaß eine enorme Spannkraft und Begriffsschärfe, wie sie in der religiösen Dialektik wohl seit Pascal und Kierkegaard sonst nicht wieder aufgetreten ist. Simone Weil hat ein achtbändiges, aus