Von Walter Abendroth

Es sind nicht immer die dickleibigen Bücher berufsmäßigerDenker, die das Gewirr der Selbsttäuschungen, hinter dem sich die Betriebsamkeit unserer heutigen Welt verschanzt hat, mit dem Blitzstrahl unbedingter Wahrhaftigkeit durchbrechen und die daher in jedes Menschen Hand gehören, dem an wirklicher Einsicht gelegen ist. Gelegentlich kann auch ein schmales Bändchen diese Eigenschaft haben, und es kann von jemandem geschrieben sein, dem die Philosophenzunft die Berechtigung zum Mitreden in "ihren" Angelegenheiten rundweg absprechen wird. Es kann sogar eventuell aus einer Feder stammen, die sonst nur Noten schreibt, der Feder eines Musikanten also. Ist die Wahrheit, die ein solches Büchlein anbietet, sehr unbequem, sieht sie nicht rosig aus, sondern grau, gar schwarz, läßt sie keiner optimistischen Regung mehr einen Ausweg offen, so werden alle, denen ihre Selbsttäuschung lieb ist, mit befreitem Aufatmen folgern: der arme Kerl ist eben zu kurz gekommen, es geht ihm schlecht, er hat keinen Erfolg gehabt, seine ehrgeizigen Künstlerträume sind ihm die Erfüllung schuldig geblieben, und nun erscheint ihm alles hoffnungslos und sinnleer, nun soll es ihm die schöne Welt entgelten, nun möchte er den anderen, Glücklicheren oder Begabteren, jedenfalls Erfolgreicheren ihren gesunden Optimismus nicht mehr gönnen, möchte jede schöpferische Aktivität entmutigen, damit es keinem besser ergehe als ihm selbst, dem Enttäuschten, dem Verbitterten.