K. W. Berlin, im September

Zwei Tatsachen gaben dem 55. deutschen Ärztetag in Berlin den Akzent. Einmal die Feststellung sowjetzonaler Gesundheitsfunktionäre, die ärztliche Schweigepflicht habe in der Sowjetzone keinen Platz mehr, da sie die demokratische Gesetzlichkeit störe und verhindere. Zum anderen der Kampf der Berliner Ärzteschaft mit der Berliner Versicherungsanstalt.

"Der Berliner Ärztetag flüchtet in die Schweigepflicht." Das sagte bitter und ironisch einer der verantwortlichen Mitwirkenden am Vorabend des Ärztetages, als mit dem Hinweis auf viele aktuelle Probleme das Präsidium des Ärztetages gefragt wurde, warum gerade die ärztliche Schweigepflicht zum Generalthema dieser Jahreszusammenkunft aller ärztlichen Verbände Deutschlands gemacht worden sei. Professor Dr. Neuffer, der Präsident des Ärztetages, wußte freilich in seinem Hauptreferat im Berliner Titania-Palast eine Menge sehr überzeugender Argumente für die Aktualität dieses Themas vorzubringen: die Vorgänge in Weinheim und Partenkirchen beispielsweise, wo Ärzte gezwungen worden waren, Krankengeschichten und Patienten-Auskünfte an Polizei und Staatsanwaltschaft auszuhändigen. An mancherlei Wünschen nach Beseitigung des Patientengeheimnisses, wie sie Versicherungen, Organisationen und staatliche Einrichtungen äußern, wies Professor Neuffer weiter nach, wie sehr gerade in der letzten Zeit dieser ärztliche Grundsatz praktisch durchlöchert worden sei. Der Anspruch aus der Sowjetzone, die Schweigepflicht um der Willkürjustiz des SED-Staates willen ganz außer Kraft zu setzen, wirkte gerade in Berlin alarmierend. Wie sehr im übrigen der alle Referate und alle Arbeitsgemeinschaften. Natürlich liegen die Dinge in Berlin anders als in der Bundesrepublik, in der die Kassen nicht unter dem Monopoldach einer ersicherung zusammengeschlossen sind. Aber der Ärztetag lieferte viele Nachweise dafür, daß in System und Handhabung der Sozialversicherung von heute ein großer Teil der Schuld für die unbefriedigende Situation und auch die Leistung des Arztes liegt. Professor Siegmund aus Münster, der auf einer Sondertagung des Marburger Bundes der angestellten Ärzte sprach, sagte zum Beispiel, der sozialpolitische Gedanke sei im heutigen Versicherungsprozeß zuviel, der ärztliche aber zuwenig verankert. Eine dringliche Reform des ganzen Versicherungswesens, das heute zu einem Prozeß der Gesundheitsverwaltung, nicht aber der Gesundheitsbehandlung geworden sei, wird von den Ärzten als dringend notwendig erachtet.