Die Deutsche Gesellschaft für gerichtliche und soziale Medizin befaßte sich auf ihrem soeben zu Ende gegangenen Kongreß in München, zu dem auch zahlreiche Vertreter aus Frankreich, der Schweiz, Italien und Österreich erschienen waren, unter anderem mit drei Hauptthemen, die nicht nur den Fachwissenschaftler interessieren: "Der ärztliche Kunstfehler", "Aktuelle Alkoholprobleme", "Blut".

Der Senior der deutschen Gerichtsmediziner, Prof. Müller-Hess, Berlin, stellte unter einhelliger Zustimmung fest, daß ein ärztlicher Kunstfehler, dessen juristischer Begriff ohnehin schwer feststellbar ist, keinesweg identisch sei mit einem fahrlässigen oder auch nur falschen Handeln. Mit Recht wurde daher in der Aussprache auch mit Nachdruck darauf gedrängt, diesen Begriff überhaupt fallen zu lassen. Auf jeden Fall bedürfe es aber besonderer gesetzlicher Bestimmungen, durch die die ärztliche Kunst aus den gewöhnlichen Strafbestimmungen herausgelöst würde, da rs tatsächlich nicht geboten sei, einen Arzt, selbst wenn er einen "Kunstfehler" begehe, etwa einem Totschläger gleichzustellen. Nach einem von dem Professor der Rechte Mezger, München, erstatteten weiteren eingehenden Referat setzte sich die Gesellschaft für eine Empfehlung an die gesetzgebenden Organe der Bundesrepublik ein, die bereits in älteren Entwürfen zur Reform des Strafrechts vorbereiteten Bestimmungen beschleunigt einzuführen, mit denen es möglich sei, ärztliche Eingriffe "rechtlich sachgemäß und dem Wesen ärztlichen Handelns entsprechend" zu werten. Ärztliche Eingriffe und Behandlungen, die zur Heilung notwendig seien und sachgemäß durchgeführt würden, seien weder Körperverletzungen noch Tötungen im Sinne des allgemeinen Straf rechts. Nur der solle bestraft werden, der an einem anderen ohne seine Einwilligung einen Heileingriff ausführt oder ausführen läßt. Von einem Heileingriff könne aber nur gesprochen werden, wenn dieser Eingriff von einer wirklichen Absicht zum Heilen geleitet, der Eingriff lege artis erfolgt, er also nach dem jeweiligen Stand der ärztlichen Wissenschaft und Erkenntnis angezeigt, aber auch nach ärztlicher Ethik statthaft sei. Der Arzt selbst müsse in der Absicht handeln, das individuelle Wohl des Patienten zu fördern. Wo diese Absicht fehle, könne von einem Heileingriff nie gesprochen werden, mag dieser Eingriff auch absolut einwandfrei erfolgt sein. Wenn allerdings ohne die Behandlung oder einen Eingriff Leben oder Gesundheit des Kranken ernstlich gefährdet sei, so solle die Strafbestimmung nicht anwendbar sein, die Tat auch nur auf Antrag verfolgt werden.