Berlin, im September

Der Tanz, in dessen Zeichen diesmal die Berliner Festwochen stehen, fand nach der Eröffnung mit Strawinskys unbegreiflicherweise nur einmal gebotenem "Apollon Musagète" bereits in der ersten Woche seine brillanteste Apotheose in den phantasievollen Ballettschöpfungen George Balanchines, in denen das gastierende New York City Center Ballett höchste technische Virtuosität entfaltete. Neben diese geistvoll-disziplinierten Beispiele des vorwiegend handlungslosen absoluten Tanzes auf der Grundlage des klassischen Balletts stellte Tatjana Gsovsky nach ihrem "Apollon" die Tanzpantomime nach Dostojewskijs "Idiot". Da spricht auf der von Jean-Pierre Pohelle gleichsam symbol-stenographisch ausgestatteten Bühne ein Darsteller (etwas zu larmoyant und rückgratlos Klaus Kinski) die Worte des Fürsten Myschkin. Um ihn herum, als Aglaja undNastasja, glänzen mit Pas und Attitüden der hohen Schule zwei Primaballerinen (Natascha Trofimowa und Wiet Palar), Schicksal und Verworfenheit des triebhaften Rogoschin manifestieren sich in den Tänzen Harald Horns. Die Choreographie der Gsovsky, oft genialisch einfallsreich, aber nicht immer zu Ende gedacht, an den sieh aufdrängenden Maßstäben Balanchines zu werten, wäre taktlos; wohl aber ist zu sagen, daß die Verquickung der beiden grundverschiedenen ästhetischen Ebenen von Wort und Tanz auch hier nicht gelingt: was Tatjana Gsovsky vielleicht als gestisch-dramaturgischer Kontrapunkt vorschwebte, mündet in Unlogik. Das hat inzwischen auch die Autorin erkannt und wird auf ihre selbstgezimmerten Texte verzichten, wenn sie ihren "Idioten" demnächst in Venedig zeigt.