Im musikalischen Nachtprogramm des NWDR gab Siegfried Borris, Schüler und Kollege Paul Hindemiths an der Berliner Musikhochschule, einen reizvoll instruktiven Beitrag zum Thema "Programmatik in der neuen Musik". Da hörte man zwei "Temperamente" aus Hindemiths Thema mit vier Variationen: die grübelnde Musik des Melancholikers, des Sanguinikers, der sein leichtes Blut im schnellen Walzer beweist... Die Tangorhythmen aus Milhauds "Saudades do Brasil" waren ein apartes Beispiel brasilianischer Folklore... Und aus Hermann Reutters streng gregorianischer "Passion" erklang die "Gefangennahme": Schritte der Wache, in musterhaft präzisem Musikausdruck: näher, näher, schneller, näher, härter, drohender – leiser werdend, weiter, monoton sich entfernend; die Hoffnung geht mit den Schritten. Mit den klug gewählten Kompositionen stützte Borris einleuchtende Thesen: daß die moderne Musik ihre "Inhalte" – soweit diese überhaupt die Vorherrschaft der Musizierformen noch zu brechen vermögen – aus drei Bereichen nimmt – aus der choreographischen Vorstellung des Balletts nämlich (Strawinsky!), aus Folklore und Religion. – Zum näheren Verständnis neuer Musik sind solche Sendungen unerhört wichtig; ebenso wichtig ist aber auch, daß sie so vorzüglich sind wie diese.