K. W. Berlin, Anfang September

Der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Jakob Kaiser, hat den in der Sowjetzone meistgehörten Sender RIAS benutzt, um ihrer Bevölkerung zuzurufen: "Verlaßt die Ostzone nicht ohne letzte Not." Die Sowjetzone dürfe nicht von freiheitlich gesinnten und aufrechten Deutschen entblößt werden. Diese Aufforderung, zu bleiben und auszuharren, hat sehr realistische Motive. In den Flüchtlingsziffern, die in den letzten Wochen täglich Westberlin verzeichnet, sind sie ausgedrückt: noch niemals ist die Kurve so rapide gestiegen wie seit dem Beginn der Absperrungsmaßnahmen, mit denen die Sowjetzonenregierung sich und ihre Bevölkerung von der Bundesrepublik mit Sperrgürteln, Vopo-Kordons und Drahtverhauen zu isolieren begann. Die Volkspolizei-Regimenter, die längs der Zonengrenze den Übergang in die Bundesrepublik zum gefährlichen Wagnis machen, haben die Flüchtlings-Auffangstellen auf der Westseite der Zonengrenze in den letzten Wochen mehr und mehr entlastet. Um so mehr schwoll der Strom der Fliehenden in Westberlin an. 53 000 waren es in den ersten acht Monaten des Jahres, im August mußte Berlin allein 16 000 Menschen aus der Ostzone Asyl geben. Es gab Tage im letzten Monat, an denen sich tausend oder noch mehr Flüchtlinge in Westberlin meldeten.