Wenn man am Nachmittag das Hotel Tigris Palace in Bagdad betritt, sitzen gewöhnlich an dem runden Tisch" in der Halle einige Männer in langen Gewändern aus englischem Stoff, die bis auf die Knöchel reichen, und weißen Batistkopftüchern, die mit einer schwarzen Kordel wie mit einem Reif befestigt werden. Sie spielen lässig mit dem islamischen "Rosenkranz", während sie ihre wortreichen Diskussionen führen. Dann und wann sieht man sie auch des Abends n offenen Sportwagen durch die Hauptstraße Bagdads fahren. Es sind Sheiks, die Häuptlinge der Beduinenstämme, die Großen des Landes. Im Tigris Palace war mir mehrfach einer unter ihnen aufgefallen — er mochte etwa Anfang Dreißig sein —, der in seinen Bewegungen, seiner Art, Besucher zu empfangen und mit Menschen umzugehen, eine erstaunliche Noblesse, Sicherheit und gleichzeitig Bescheidenheit ausstrahlte. Der Zufall fügte es, daß ich ihn eines Tages durch einen Bekannten kennenlernte. Es war Achmed ibn Agil al Yawer, der Sheik der Schammar. Als ich seinen Namen hörte, erinnerte ich mich, daß sein Vater, Sheik Agil, wenige Jahre vor seinem Tode, 1937, von der Krönungsfeier in London kommend, mit seinem damals vierzehnjährigen Sohn Achmed auch Deutschland bereist hatte. Und plötzlich fiel mir wieder ein, daß Freuade, die damals sden zwei Meter großen Mann in der Beduinentracht mit seinem wunderbar geschnittenen Kopf und der natürlichen Würde des Stammesfürsten in Berlin erlebt hatten, berichteten, sie hätten sich erschrocken untereinander angeschaut und gedacht, wie belanglos und dürftig sehen wir doch aus! Heute führt sein Sohn Achmed den Stamm der Schammar, der nördlich im Irak ein Gebiet etwa von der Größe Niedersachsens bewohnt. Bei den Schammar sind alle drei Entwicklungsstufen, die man heute unter den Beduinen findet, vertreten: es gibt noch einige nomadisierende, die das ganze Jahr über mit ihren schwarzen Zelten herumziehen, semi nomadische, die einen Teil des Jahres in festen Lehmhütten leben, und schließlich diejenigen, die in Dörfern angesiedelt sind und Ackerbau treiben. Diese beiden letzten Gruppen gibt es aber erst seit etwa dreißig Jahren. Zuvor verachteten sie als echte Beduinen feste Ansiedlungen, lebten von der Kamelzucht und von Beutezügen und durchwanderten auf Hunderte von Kilometern das Land. Obwohl es bei den Schammar keine schriftlichen Dokumente gibt, sondern nur die mündliche Überlieferung, so können sie ihre Geschichte doch über 300 Jahre und Achmed al Yawer seine Familie über 17 Generationen zuriickyerfolgen.