Emil Merker: Unterwegs. Ein Lebensbericht. (Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf/Köln; 152 S. Leinen 13,80 DM.)

Das Leben selbst ist Abenteuer genug. Wir bedürfen nur des rechten Blicks, dann wird selbst das Alltägliche mit seinen kleinen Dingen zum erregenden Erlebnis, zum Sinnbild des Schicksals oder zum Spiegel der Dämonen. Wenn wir Emil Merker, den jetzt Dreiundsechzigjährigen, auf seinem Lebensweg vom armen Häuslerssohn aus dem Saazer Land bis zur Flucht aus der böhmischen Heimat begleiten, spüren wir, was es heißt, ein Dichter des Wirklichen zu sein. Der Realismus des ganz Diesseitsfrommen führt immer wieder unversehens in die magischen Schichten des Daseins. Merker, der Stille, Einsame, Menschenscheue, vom Schicksal mit fast gänzlicher Erblindung Getroffene, erfaßt, was ihm "unterwegs" begegnet, inbrünstig, mit allen Sinnen und filtert es durch eine andächtige Weisheit ins Dichte und Gültige. Wir kennen ähnliches von Carossa, bei ihm aber schon ins Apollinische stilisiert. Merker ist geheimer Dionysiker, erlebt die "wilden Geheimnisse" der Welt, die den Gang dieses Lebens durch Landschaft, Schule, Universität, Menschen- und Völkerschicksale in leuchtenden Wirbeln begleiten. Dazwischen die ruhigeren Strecken der Besinnung und Klärung in Betrachtung und Gespräch. Erst der Schlußteil, der in unsere jüngste Vergangenheit führt, läßt gelegentlich Privatem, vielleicht auch zu Familiärem seinen Raum. Es mag Leser geben, die sich gerade dadurch herzlich angesprochen fühlen. Dieser "Bericht", wie ihn Merker bescheiden nennt, führt nicht an das Nichts heran, er gibt den schmerzbewährten Mut, dieses Leben, so wie es ist, "rechtschaffen und andächtig zu leben". Rudolf Ibel