Was Bildüngsfeformer leicht vergessen Daß wir im- Zeitalter der Massen leben, daß sich infolgedessen das Bildungsniveau gesenkt hat und weiterhin senkt, das habe ich nun so oft gehört und muß es wohl glauben, weil es mir von Leuten gesagt wird, die mir an Bildung weit überlegen sind. Ich bin nicht vermessen genug, um mich an den Gesprächen über die Bildungsreformen zu beteiligen, die notwendig wären, wenn dieser, Abstieg aufgehalten werden soll. Aber ich habe Kinder, die ein unwiderstehliches Bildungsbedürfnis an den Tag legen. Und ich kann nicht warten, bis diese Reformen vielleicht in zwanzig oder dreißig Jahren Resultate zeitigen. Darum mache ich mir meine eigenen Gedanken, auch auf die Gefahr hin, daß sie ketzerisch sind, und versuche mich danach zu richten. Voltaire — das weiß ich noch aus dem französischen Unterricht — hat gesagt er bedauere die Leute, die zweihundert Jahre nach ihm leben müßten, denn sie hätten nicht nur die Bücher zu lesen, die er gelesen habe, von ihnen werde auch verlangt werden, daß sie alle wichtigen Bücher der auf ihn folgenden zwei Jahrhunderte läsen. Wir sind heute in solch bedauernswerter Lage. Seit Voltaire wurde nicht nur an Büchern, sondern auch an Werken der Musik und der bildenden Kunst eine kaum übersehbare Fülle von Wesentlichem geschaffen, ohne daß darum diejenigen Werke, die die Grundlage von Voltaires Bildung ausmachten (die der Antike, der Renaissance und des Barock), überflüssig geworden wären. Ja, es ist inzwischen noch dazu eine ebenso unübersehbare Fülle von großen Schöpfungen des Geistes wiederentdeckt, mit denen sich der Gebildete des zwanzigsten Jahrhunderts vertraut machen muß: die Kunst des europäischen Mittelalters (Goethe noch hat manchen Sommer in nächster Nähe des Naumburger Doms verbracht, ohne je von den Stifter Figuren Kenntnis zu nehmen. Heute wäre das eine beschämende Bildungslücke ) Es ist ein Wettlauf, der für den Verfolger aussichtslos ist: immer dann, wenn sich die Reformer der Jugendbildung notgedrungen auf eine Erweiterung des Mmimalhorizonts für ihre Lehrpläne geeinigt haben, zeigt sich: es ist in der Zeit der Umstellung so viel an neuem und wesentlichem Bildungsstoff angefallen, daß eine abermalige Erweiterung unerläßlich wird. Zugleich wachsen ständig die Anforderungen, die die Technisierung des Berufslebens stellt, und machen auch die Erfüllung des engeren Horizonts unmöglich, Deshalb steigern sich von Etappe zu Etappe die Klagen über die Senkung des Niveaus. Aber damit nicht genug. Alle Bildungsarbeit soll den jungen Menschen bereit machen, Erfahrungen und Erlebnisse selbständig in einen Horizont einzuordnen. In den letzten dreißig Jahren haben sich aber die Erfahrungen und Erlebnisse den Heranwachsenden so früh aufgedrängt, daß für sie selbst (und sogar für ihre Erzieher) alle Bildungsarbeit illusorisch zu werden schien. Zu der Massierung des Bildungsstoffes kam also für sie noch die Massierung einschneidender Erlebnisse, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Fragmenten von Bildung nicht zu bewältigen waren.