Von unserem Bonner Korrespondenten

R. ST. Bonn, Anfang Juni

Manchmal geraten die altgewohnten Fronten im Bundestag ins Wanken. Dann feiert die persönliche Leidenschaft einen kurzen Triumph über den Fraktionszwang, den immer fühlbaren, wenn auch nie zugegebenen. Dann weiß man plötzlich nicht von vornherein, was dieser oder jener Abgeordnete sagen wird, je nach dem, ob er zur CDU oder SPD gehört. Dann kommt es sogar vor, daß Ansichten, die von der amtlichen Fraktionsmeinung abweichen, nicht nur in den Wandelgängen, sondern auch im Plenum mannhaft vertreten werden. Es sind jene seltenen Augenblicke, in denen sich das Parlament auf seine eigentliche Aufgabe besinnt: nur dem eigenen Gewissen verpflichtet, für die als richtig erkannte Meinung einzutreten. Dann muß sich der SPD-Sprecher der Kritik eines Fraktionskollegen erwehren, aber erntet emphatische "Sehrrichtig"-Rufe von der CSU.