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Ausgabe Nr. 23/1952

DIE ZEIT

Jagd ohne Fraktionszwang

Manchmal geraten die altgewohnten Fronten im Bundestag ins Wanken. Dann feiert die persönliche Leidenschaft einen kurzen Triumph über den Fraktionszwang, den immer fühlbaren, wenn auch nie zugegebenen.

Die Treuepflicht der Beamten

Muß der Beamte dem Staat treu sein? So gestellt, würde die Frage von jedem mit Ja beantwortet werden, und danach bedürfte es gar keiner langen Debatte über den Gesetzentwurf, den die Bundesregierung dem Bundestag über "die politische Treuepflicht der Angehörigen des öffentlichen Dienstes" vorgelegt hat.

Der Ruck nach rechts

In Italien haben Wahlen stattgefunden Gemeindewahlen und Wahlen zu den Provinzialräten. Resultat: die Kommunisten und Linkssozialisten haben sich im ganzen behauptet, in einigen Städten geringe Fortschritte gemacht.

Der Nahe Osten läßt sich nicht kaufen

Wie ist es eigentlich möglich, daß der Kommunismus, der doch in dem von ihm eroberten Osteuropa, für jedermann sichtbar, ein totalitäres Terrorsystem errichtet hat, in anderen Teilen der Welt als Befreier betrachtet und vielfach herbeigesehnt wird? Wenn man den Nahen Osten bereist, also einen Teil jenes breiten Gürtels, der von Indien und Indonesien bis zur nordafrikanischen Küste am Atlantik reicht, und der bei der ost-westlichen Blockbildung keine eindeutige Stellung bezogen hat, dann wird die Antwort auf diese Frage sehr deutlich.

Titos Liebeswerben um Wien

Aus den Dokumenten, die Belgrad über seine Beziehungen zur Sowjetunion veröffentlich hat, geht hervor, daß damals bei der beginnenden Auseinandersetzung, Titos Gebietsansprüche gegenüber Österreich eine gewisse Rolle gespielt haben.

ZEITSPIEGEL

Der Rat der Vereinigten amerikanischen Stabschefs hat den Generalstab der Luftwaffe beauftragt, alle Vorbereitungen für eine Luftbrücke von der Bundesrepublik nach Berlin zu treffen.

Sperren um Berlin

Rings um Berlin ist es lebendig geworden. Ein Sperrgürtel um die Stadt soll entstehen, der den Zugang aus der Ostzone zur Insel Berlin so schwer wie möglich macht.

Der Patriarch lädt ein

Ein so farbenprächtiges Bild hatte das von Uniformen blitzende Nachkriegsmoskau lange nicht gesehen: Zu den weiten schwarzen Priestergewändern kontrastierten wirkungsvoll die hohen weißen Bischofsmützen und die diamantenschimmernden Kreuze, die sich auf mancher Brust mit Hammer- und Sichelmedaillen vertragen mußten.

Der Dichter hatte Kontrolle

Er bestach im Gespräch manchmal durch Ironie. In der neuen "Weltbühne", die sich durch den alten Umschlag tarnt, und im "Frischen Wind" der Ostzone wußte er sie bis zu scharf dosiertem Sarkasmus zu steigern, wenn er die bürgerliche Restauration des Westens glossierte.

"... und der Rundfunk spielt dazu..."

In Thomas Manns "Buddenbrooks" streiten sich einmal der Senator Thomas Buddenbrook und seine schöne Frau Gerda über Musik. Die Liebe zwischen beiden ist allmählich erkaltet, und Gerda hat sich mit ihrem heranwachsenden Sohn immer mehr in das Reich der großen musikalischen Kunst zurückgezogen, wohin ihr Gatte ihnen nicht folgen kann.

Lateinschule der Musik

Es gibt gewisse Spezialfragen fachwissenschaftlichen Art, die sich bei näherem Hinblick als Teilerscheinungen einer ganzen allgemeinen geistigen Situation enthüllen und denen nachzudenken daher nicht nur für den Manr von der "Zunft" gewinnbringend sein kann Eine solche Frage ist die heute immer wieder besonders von den Musikern der Nachwuchsgeneration aufgeworfene: ob es nicht eine gegenstandslose Zeitvergeudung, ein überflüssiger Umweg sei, die Kompositionsschüler erst den traditionellen "vierstimmigen Satz", also die Technik der klassischen Funktionsharmonik erlernen zu lassen, da ja doch die Gegenwart (und, wie man zu wissen glaubt, die Zukunft) ganz anderen Prinzipien (vor allem der Zwölftontechnik; gehöre.

Blumen am Fabriktor

Das hohe weiße Gitter trennt die Unordnung ab: Schwatzende Frauen, Zeitungshändler, Zigarettenbuden, den alten Mann, der Brezel verkauft, und die Kinder, die im Schwarm um ihn her sind; Durch die engen Pforten zwischen den Wächtern, zwischen den dunklen Uniformen her, preßt sich die Menge und rinnt in langen Strähnen über den Fabrikhof.

Ein großer Berliner im Exil

Wenn am 5. Juni Max I. Friedländer in Amsterdam auf fünfundachtzig Jahre eines arbeitsreichen und gesegneten Lebens zurückblickt, so wird es an diesem Tage diesseits und jenseits des Atlantik wohl kaum einen Kunstfreund geben, sei er Liebhaber, Kenner, Forscher, Sammler oder Händler, der nicht mit Dankbarkeit und Verehrung des Mannes gedenken wird, der sich mit dem Corpus der "Altniederländischen Malerei" ein dauerndes Monument errichtet hat.

Ungebetene Gäste im Yemen

Die Amerikaner wundern und beklagen sich darüber, daß die Araber sie für eine unkultivierte Nation halten. Da fuhr ein Mister Wendell Phillips, Präsident der "American Foundation for the Study of Man", nach dem Yemen.

Geruhsame Kaufleute?

Eine Hamburger "Kundgebung", veranstaltet vom Verband Deutscher Eisenwarenhändler (VDE), brachte leider nur sehr wenig, was speziell die Branche, nämlich Eisenwaren und Hausrat, angeht.

Pinay wirbt um Hausfrauen-Gunst

Die Wirtschaftspolitik der jetzigen französischen Regierung verfolgt das Ziel, durch straffe Importkontrolle, Ausfuhrbegünstigungen und Deviseneinschränkungen die Zahlungsbilanz zu verbessern und durch ein Bremsen der Haussetendenz die Umkehr der Preisentwicklung zu erreichen, um zuerst zu einer Stabilität und in der Folge zu einer Reduktion der Preise zu gelangen.

Wunder des Wiederaufbaus

Es ist ein langer, beschwerlicher Weg, den die Olympia – Werke West von der Berliner Friedrichstraße, wo sie vor 49 Jahren als Zweigunternehmen der AEG für den Vertrieb der Mignon-Schreibmaschinen gegründet wurden, über die Gewehrfabrik von Erfurt bis in die demontierte Marinewerft-Stadt Wilhelmshaven zurückzulegen hatten.

Cabriolets stärker gefragt

War der Absatz von Cabriolets auf dem Automobilmarkt früher stark von der Saison abhängig, weil erst die warmen Sonnenstrahlen des Vorsommers den Wunsch nach einem offenen Wagen weckten so ist hier in den letzten Jahren eine grundsätzliche Wandlung festzustellen.

"Verschwörungen" gegen die Verbraucher?

Politisch gefährlich erscheint die neo-liberalistische Gedankenführung deshalb, weil sie völlig einseitig jede unternehmerische Marktverständigung als eine gegen das Interesse des Konsumenten gerichtete Verschwörung hinstellt; politisch gefährlich deshalb, weil dieses Bild Instinkte anspricht, die die allein angemessene sachliche Atmosphäre mindestens trüben.

Werbung, Wettbewerb und Recht

Die Werbung, als eine dynamische Kraft, die nicht nur eine größere wirtschaftliche Konstanz des Verbrauchs zur Sicherung der Produktion zu erreichen versteht, sondern auch die Kräfte in der Volkswirtschaft zu mobilisieren vermag, war in ihrer Ausgestaltung bis 1933 keiner gesetzlichen Regelung unterworfen.

Kleine Börsenumsätze

Die Wodie vor Pfingsten braute- an den Börsen keine Überraschungen. Die Diskontsenkung wurde oh n e K o m m e n t a r aufgenommen u n d blieb o h n e A u s w i r k u n gen auf das Geschäft, das sich weiterhin in s e h r e n g e m R a h m e n hält.

Darf der Arzt lügen?

Die erste Kammer des Pariser Zivil-Gerichtshofes hat dieser Tage ein Urteil gefällt, das alle Ärzte und – viele Patienten nicht wenig interessieren wird.

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