/ Erzählung von Ruth Herrmann

Fräulein Jensen stand auf ihrem Grab und wartete. Sie ging unruhig hin und her, obwohl die zwei Quadratmeter Boden ihr nicht viel Bewegungsfreiheit ließen. Die Kapellenuhr schlug ein Viertel nach vier und Fräulein Jensen stampfte unwillig mit dem Fuß auf, weil schon eine kostbare Viertelstunde der einzigen Stunde im Jahr verloren war, der einzigen Stunde, in der es hier erlaubt war, über der Erde Besuch zu empfangen.

Sie betrachtete die bronzene Jungfrau auf dem Nachbargrab, der die Leier entfallen war und die – ihre Stirn an eine zerbrochene Säule gelehnt – den Tod des Konsuls Kleverkamp beweinte. Fräulein Jensen selbst hielt mehr von der Kunst, nicht zu zeigen, was sie empfand, und sie bückte sich, um das Stiefmütterchen wieder aufzurichten, das sie eben im Zorn zertreten hatte.