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Ausgabe Nr. 05/1952

DIE ZEIT

Verletzte Spielregeln

Wenn ein Beamter, Lehrer oder Briefträger seine Aufgaben nicht kennt, wird er zur Ordnung gerufen oder seines Amtes entsetzt – wenn ein Abgeordneter des Bundestages zu erkennen gibt, daß er keine Ahnung hat, was seine Kompetenzen eigentlich sind, so geschieht gar nichts.

Grüne Woche in Berlin

Jede Ausstellung in Westberlin wird für die Ostzonenmachthaber zum Ärgernis – vor allem aber die Grüne Woche. Zieht sie doch gerade diejenigen herbei, die der SED am meisten Sorge machen: die Landbevölkerung – jene feste Phalanx oppositioneller Abwehr, die aus ihrer Gesinnung keinen Hehl macht und die zuweilen sogar die SED-Redner in ihren Bauernversammlungen niederbrüllt.

Gesiebte Dokumente

Am 4. Februar wird vor dem Nürnberger Schwurgericht ein Prozeß beginnen gegen den ehemaligen Legationsrat aus der Deutschland-Abteilung des Auswärtigen Amtes, Dr.

Paris gefährdet Europa

Die Ernennung des bisherigen französischen Hohen Kommissars im Saargebiet, Gilbert Grandval, zum Botschafter in Saarbrücken, wirft die Frage auf, ob es etwa der Pariser Regierung darum geht, im letzten Augenblick noch die Teilnahme der Bundesrepublik an der Europa-Armee zu verhindern.

Koreas Kriegsgefangene

Jedes Lager ist eine Brutstätte von Intrigen. Die Hälfte der Gefangenen denkt über Mittel und Wege zur Flucht nach; der Rest setzt sich aus politischen Aktionsgruppen zusammen, die sich gegenseitig bis aufs Messer bekämpfen.

Staatsgeheimnisse

Es ist nicht einzusehen, warum der zuständige Bundestags-Ausschuß drei Monate gebraucht hat, um ein Ersuchen der Staatsanwaltschaft Bonn abzulehnen, die gefordert hatte, die Immunität der SPD-Abgeordneten Dr.

Deutsche Schulden

Nach langen Vorbereitungen beginnt demnächst über die deutschen Auslandsschulden in London die Hauptkonferenz, an der 30 Länder mit einigen hundert Vertretern teilnehmen werden.

ZEITSPIEGEL

In einem Aufsatz: „Der freie Osten und der freie Westen“ berichtet John Foster Dulles erstmalig über einen bemerkenswerten Ausspruch Stalins: Mit Japan zusammen wäre die Sowjetunion unbesiegbar.

Kekkonen stößt vor

Finnlands Premierminister Kekkonen veröffentlichte in der Agrarier-Zeitung Maahansa eine aufsehenerregende Erklärung, in der er eine Lanze für die all-nordische Neutralität bricht.

Frag mich was

Um die Plenarsitzungen von den zeitraubenden Debatten zu entlasten, die sich oft bei kleineren Interpellationen entwickeln, hat der Bundestag in seiner neuen Geschäftsordnung eine „Fragestunde“ eingeführt.

Die zerbrochene Vase

Oskar Gens überdauerte das Tausendjährige Reich in USA, in der schweren Schule des amerikanischen Alltages und den Abendkursen des New York- City College. Als früherer Seemann ist e>r an harte Arbeit gewöhnt; er schrieb Komödien, Dramen, Romane.

Mozart wußte warum...

T Tnsere Zeit gefällt sich in künstlerischen Ex- tremen. Diese allerdings berühren sich tatsächlich. Denn auch die grassierende Bearbeitung alten Musikgutes opfert dem Moloch "Sensation". Eine Mozart Uraufführung ist zweifellos sensationell.

Die Rosenlauben abbrechen

Wo bleibt der deutsche Film? Wie oft wirddiese Frage in-Genf gestellt. Im Reigen der ausländischen Filme, die Woche um Woche wechselnd über die hiesigen dreißig Leinwände laufen, ist der jeweilige deutsche Film schon durch seine greulichen Titel einfach entmutigend.

Unterbrochener Reigen

Aus den Vereinigten Staaten sind in den letzten Jahren Bücher zu uns gekommen, deren Sprache es an erotischer Deutlichkeit mit den gewagtesten europäischen Romanen aufnehmen kann: Norman Mailers „Die Nackten und die Toten“ zum Beispiel, oder James Jones’ „Verdammt in alle Ewigkeit“.

Wirklichkeit als Dämon

Hundertundfünfzig Jahre lang blieb Goya gegenwärtig. Als der Achtundsiebzigjährige, halb auf der Flucht und stocktaub, 1824 in den Pariser „Salon“ schlurfte, hing dort Delacroix’s „Gemetzel auf Chaos“.

Gericht über das Abendland

Als Leopold von Ranke gelassen das große Wort aussprach, die Weltgeschichte zeige kein Fortschreiten der Menschheit auf ein gesetztes Ziel zu, sondern „jede Epoche sei unmittelbar zu Gott“, da legte er wohl in seiner behutsamen Art die Axt an die Wurzel des neuzeitlichen Optimismus der Europäer.

Ein Kuckucksei

Ein Fabrikbetrieb mit Einzelhandelsfilialen spart für einen Umsatz die Umsatzsteuer. Das fällt um so mehr ins Gewicht, je höher der Umsatzsteuersatz ist.

Ungenützte Chancen in Berlin

Zum drittenmal nach dem Kriege findet in Berlin die „Grüne Woche“ statt. Zwei Fragen grundsätzlicher Art drängen sich dabei auf: Ist die „Insel Berlin“ überhaupt der geeignete Platz für eine derartige Veranstaltung und – wenn ja – erfüllt diese wirklich alle Aufgaben, die ihr unter den gegenwärtigen Umständen zu stellen sind? Früher wurde das äußere Bild von den ostelbischen Gutsbesitzern und Bauern beherrscht.

Neue Nickelkonjunktur

Nach 1945 wurdeauf allen Gebieten der Metallerzeugung eine Preiskonjunktur nachgeholt, die – im Gegensatz zum ersten Weltkrieg – durch die Festsetzung von Höchstpreisen in den großen Industrieländern während dieses Krieges nicht möglich war.

Bedeutsame Gas-Pläne

Ganz zu Unrecht steht das Gasfach bei der Erörterung energiewirtschaftlicher Fragen ein wenig im Hintergrund. Es ist daher zu begrüßen, daß anläßlich der Einweihung des größten Ferngas-Kolbenkompressors Europas durch die Ruhrgas AG.

Seefische waren zu teuer

Rund 485 000 t Fische landeten 1951 die westdeutschen Fischdampfer von ihren Fangreisen an. Das ist. das Rekordergebnis der Nachkriegszeit; selbst optimistische Vorschätzungen hatten nur von 430 000 t gesprochen.

Blick auf die Börsen

Die Abwärtsbewegung der Aktienkurse hielt in der dritten Januar-Woche an. Besonders die Montanwerte hatten erneut erhebliche Kurssteigerungen, die, mit Ausnahme der Mannesmannröhren-Werke, über die 200-Prozent-Grenze hinweggingen.

Wal-Enthaltung

Eine künftige Kulturgeschichtsschreibung wird es vielleicht aufdecken, wer in der Wiener Regierung auf die Idee kam, als Ersatz für das österreichische Schwein norwegischen Wal einzuführen.

Pfui-Rufe und Prügel

In Freiburg und in Münster, in Erlangen, Göttingen und Westberlin haben Studenten Pfui geschrien. Veit Harlan galten die Rufe, dem Regisseur des Films „Jud Süß“, dessen zweiter Nachkriegsfilm „Hanna Amon“ nun „das beispiellose Liebesopfer einer einzigartigen Frau“ – so überall die Ankündigung – auf der Leinwand zeigt.

Europa versagte

Hemingway hat sich geirrt: „Über den Fluß und in die Wälder“ (deutsche Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst, Rowohlt Verlag Hamburg, 340 S.

Zur Anregung des Appetits

Man sollte den Cocktail nicht nach den Cocktail-Parties beurteilen, einer Sitte, die – insbesondere nach dem Kriege – von ausländischen Diplomaten nach Deutschland importiert worden ist.

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