Der Zeitroman als Utopie. Zu Stefan Andres’ Zyklus „Die Sintflut“

Was es mit dem Dritten Reich wirklich auf sich gehabt hat für die Zukunft der Menschheit, welche Rolle ihm im Gefüge der Weltgeschichte überhaupt zugedacht war, das ist trotz der unermeßlichen Flut von Memoiren, Analysen, Satiren und um Gerechtigkeit bemühten Urteilssprüchen bis heute noch ebenso ungeklärt wie die nur scheinbar dringlichere Frage, welcher Sinn dem Sowjetsystem im Ablauf der Weltbegebenheiten letztlich zukommt. Nicht einmal das ist klar, wer für die Antwort zuständig sein soll: die Theologen oder die Philosophen, die Moralisten oder die Humanisten. Tatsächlich aber steht es so, daß die Romanciers die intensivste Vorarbeit leisteten. Huxley („Brave new world“), Koestler („Sonnenfinsternis“), Thomas Mann („Doktor Faustus“) und Orwell („1984“) haben mit dichterischer Präzision den satanischen Charakter der Normungen ans Licht gebracht und gezeigt, wie Menschen, zwischen Gott und Teufel verloren, sich am Abgrund des Verzweifelns entlangtasten. Die Diktaturen erscheinen dabei als Heimsuchungen, als Herausforderung der Menschen durch Gott, der ihnen die Sintflut schickt, damit sie zeigen, ob sie erkannt haben, wo er wohnt.