Von Michael Terranova

Mit der Aufforderung an seine Männer, sich die Bindfäden enger zu schnüren, um den Hosen einen besseren Halt zu verleihen, begann Leo, der Brigadier, seine morgendliche Ansprache, die er beinahe liebenswürdig zu gestalten vermochte. Die Verbindlichkeit im Wesen des Brigadiers war jedoch keineswegs auf ein etwaiges Wohlleben zurückzuführen, zu dem er auf Grund seiner Stellung berechtigt gewesen wäre – nach den ungeschriebenen Gesetzen der russischen Gefangenenlager. Vielmehr fand dieses Unikum seine Erklärung in der Tatsache, daß der Brigadier Leo einer der Anführer jener Trupps war, die, für keine rechte Arbeit verwendbar, lediglich zum Entleeren der Holzbottich-Toiletten oder zum Sandschaufeln eingesetzt wurden. Da standen in Reih und Glied Studienräte und Wirtschaftsprüfer, Postinspektoren und Primaner in wenig ansprechender Kleidung – doch mit dem Willen, am Leben zu bleiben, wenn nicht durch Brotzulagen und Rubel (die den Handfertigeren dank ihrer sogenannten Spezialistenarbeit sicher waren), dann durch die stillschweigend gebilligten Privilegien: die körperlichen Kräfte nur sehr sparsam zu bemühen und ironisch zu sein oder zu lachen – was das Atmen erleichtert und ausdauernd macht. Solchen Gefangenen Anführer zu sein, war nicht leicht; und es hatte sich herausgestellt, daß am ehesten einer aus ihrer Mitte die Fähigkeit dazu besaß. Darum hatte die Lagerleitung dem Haufen (das war die inoffizielle Bezeichnung der wackeren Männer) empfohlen, sich ihren Brigadier selbst zu wählen.