Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. (Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart; 269 S., Leinen 14,80 DM).

Als notiere er unseren Puls, kaum daß dieser geschlagen, geht Wolfgang Koeppen bis ins Jahr 1951 in Front. Sein neuer Roman "Tauben im Gras" ist, was die Aktualität betrifft, belletristisches Spitzenreitergut. Schauplatz ist eine süddeutsche Großstadt von heute. In der Simultantechnik der Dos Passos und Döblin, der Assoziationsmethode der Faulkner und James Joyce kreist das Kaleidoskop der Hilf- und Haltlosen, der Verwirrten, Verhetzten, Verzweifelten; durchblendet mit den Schlagzeilen unvergilbter Zeitungen. Keine Figur ist eigentlich prominent. Abgesehen von den Negersoldaten Odysseus und Washington vielleicht, in deren gegensätzlichem Tun und Lassen sich die Problematik des Umgangs zwischen Bevölkerung und Besatzungsarmee konkretisiert. Den einen der beiden farbigen Okkupationssoldaten verstrickt die Fraternisation in das Dilemma der Nachkommenschaft. Kann es lösbar sein? Während die Europäerin aus Süddeutschland, allzu spät ernüchtert, sich auf die Negation jeder Art Nachkommenschaft versteift, besteht der farbige Sohn der Südstaaten von drüben darauf, das unlösbar Erscheinende einer Familiengründung zu meistern; der rüden Geschiedenheit von Weiß und Schwarz, wie sie in seiner Heimat wurzelt, zum Trotz. Der Autor seinerseits weiß glaublich zu machen, selbst der extremäre Fall finde Weg wie Lösung in der strikten Bewahrung des Menschenhaften. Indem er chauvinistische Ausbrüche des Rassendünkels entlarvt, macht er aus seinem Roman ein Vorgefecht gegen das Vorurteil.