Von Marion Gräfin Dönhoff

London, im Oktober

Blaßblauer Himmel, seidenweiche Luft und milder Sonnenschein über dem Trafalgar-Square ... Vielleicht ist es der Zauber dieser spätherbstlichen Tage, der den erregten Diskussionen über den Ausgang der Wahlen, über die ministeriellen Ernennungen und die zu erwartende neue Politik in dieser letzten Oktoberwoche einen so versönlichen Unterton gibt.

Versöhnlich, obgleich der Kampf hart war und besonders die Propaganda der Labour-Partei in den letzten Tagen alle Register zog und bemüht war, ihre Gegner als Kriegstreiber unmöglich zu machen: "Ein x für die Konservativen ist ein Kreuz auf den Friedhof" und: Entweder eine dritte Periode für Labour oder einen dritten Weltkrieg", so hießen die Schlagworte. Und zweifellos haben sie ihre Wirkung nicht verfehlt. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß sich in der letzten Woche ein gewisser Rückschwung zugunsten von Labour vollzogen hat. Man war mancherwärts sogar der Meinung, daß, wenn Eden und nicht Churchill die Konservativen geführt hätte, ihre Majorität größer gewesen wäre. Ein gewisses Mißtrauen gegen große Männer ist eben in England immer wach und der superman erregt dort nicht so sehr Ehrfurcht und Bewunderung als viel eher Bedenken und Argwohn. Was nicht ausschließt, daß zu guter Letzt in der tausendköpfigen Menge, die die ganze Nacht hindurch auf dem Piccadilly Circus mit viel Hallo die Wahlresultate verfolgte, auch ein Mann, der mir kurz zuvor erzählt hatte, daß er Labour gewählt habe, mit in den begeisterten Ruf einstimmte: "Winnie is back."