München, im Oktober

Elsa, dite la belle Viennoise – genannt die schöne Wienerin –, schreitet im blauen, weiß mit Pelz verbrämten Cape die Treppe des Maison close herab und präsentiert sich in höchster Eleganz. Sechsmal gespiegelt, aber nicht mehr in den verwirrenden Spiegelwänden des "Salon", sondern in unsterblicher Jugend auf sechs Drucken jener berühmtesten farbigen Lithographie von Toulouse-Lautrec, der größten Kostbarkeit der Sammlung Charrell, die augenblicklich in München, im Hause der Kunst, ausgestellt ist. Der Sammler, Bruder des Regisseurs, verweilt gern gerade vor diesen Blättern, die zu erwerben er als höchste Befriedigung seiner Passion für Toulouse-Lautrec empfand. In Paranthese: ein. einziger Druck kostete kürzlich auf einer Stuttgarter Versteigerung 5500 DM. Fünf der Blätter zeigen ein eigentümliches Netzwerk von Rissen, für die der Sammler die Erklärung gibt: "Toulouse-Lautrec hatte die Gewohnheit, die Probedrucke, die der Drucker an der Lithographienpresse in seiner Gegenwart abzog, um sie nicht in unrechte Hände kommen zu lassen, sofort zu zerreißen und wegzuwerfen. Der Drucker aber, voll höchster Achtung vor dem Genie des Künstlers, sammelte die Fetzen sorgfältig auf, gab sie dem besten Restaurator und ließ sie kunstvoll wieder zusammensetzen. Jetzt lebt der Drucker, über Siebzig, auf dem Lande und brachte die Blätter, als er von den hohen Lautrec-Preisen hörte, zum Verkauf nach Paris. Ich bekam als erster Wind und griff sofort zu."