Von Wilhelm Otte

Nachdem sich die Fluten der Reichsmarkzeiten verlaufen haben und die tiefe Ebbe des Frühjahres vorbeigegangen ist, beginnt sich langsam auf dem festeren Boden eines echten Kunstinteresses ein neues Preisgefüge zu bilden, das einige Aussicht auf Bestand hat. Doch sind der Faktoren, die neue Unsicherheit bringen, noch zu viele. Sie muß man zuerst ins Auge fassen, will man die eigentümliche Lage des Kunstmarktes in Westdeutschland charakterisieren.

Währungsmäßig müßte sich hier ein stabiler Binnenmarkt mit nur leichten, lokal bedingten Schwankungen zwischen Hamburg, dem Rheinland, Frankfurt und München bilden, da vorläufig eine legale Ausfuhr nur in geringstem Ausmaße stattfindet. Doch führt ein wachsender Zustrom aus der Ostzone über Berlin wertvolles Kunstgut herbei, und die bittere Not zwingt auch in den Westzonen die nicht mehr verdienende Schicht zu Verkäufen von bisher sorgfältig gehüteten und durch die Katastrophen geretteten Kunstwerken. So herrscht ein Überangebot wertvoller Dinge, die auch auf illegalen Wegen kaum abfließen. Denn in Europa haben die umliegenden Länder eine ähnliche Marktsituation. Man hört selten von Verkäufen nach Holland, Belgien, Frankreich oder England. Hin und wieder sucht ein Schwede ein Bild von Zorn oder eines anderen schwedischen Malers, ein Norweger Gemälde oder farbige Graphik von Munch (auf der Versteigerung bei Ketterer in Stuttgart kostete ein Gemälde 10 000 DM, die farbige Graphik bringt im freien Handel um 1000 DM). Die Schweizer sehen sich noch eher nach den sorgfältig kolorierten Ansichten ihrer Berge von Aberli um oder nach einem renommierten Meister des neunzehnten Jahrhunderts.