Von Josef Marein

Sang- und klanglos ist der "Tag der Hausmusik", den wir als Volk der Dichter und Denker am 21. November zu feiern pflegen, auch in diesem Jahr vorübergegangen. Wir haben nicht hausmusiziert, und so bleibt uns nichts, als darüber zu dichten und zu denken, warum wir es nicht getan haben. "Ja, wenn die Wohnungsnot nicht wäre...", hört man sagen. Leute, die schon keine Bücher lesen, weil sie keinen Platz für ein Regal in ihrer Vier-Wände-Wohnung haben, behaupten mit noch mehr Nachdruck, daß sie Musikinstrumente erst recht nicht unterbringen könnten. Nun hat zwar die Musik den Vorzug, daß sie sich nicht nur meterlanger, zentnerschwerer, sondern auch sehr kleiner Werkzeuge bedient: die Stufen reichen vom Konzertflügel bis zur Blockflöte, und das bekanntlich schönste Instrument nimmt in der Wohnung nicht den geringsten Platz ein, da es im menschlichen Körper sitzt: die Stimme. Aber das alles verschlägt nichts! Wir treiben weder das häusliche Musizieren noch das häusliche Singen. Wir sind stumm geworden, und selbst das emsig tätige Rundfunkgerät kann uns höchstens dazu verführen, ein paar Schlagertexte mitzusummen. Warum ist das so? Warum kommt der Herr Obersteuersekretär nicht mehr abends, den Geigenkasten unterm Arm, zum Apotheker? Und den Herrn Studienrat, den man früher in der Straßenbahn treffen konnte, wo er sein Cello zärtlich umschlungen hielt wie eine Braut, den sieht man auch nicht mehr. Hat er den Schuldienst quittiert und sein Streichquartett dazu? Oder ist er krank? Oder sind wir am Ende alle krank, daß wir die Hausmusik geopfert und statt dessen einen "Tag der Hausmusik" eingerichtet haben?