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Der in den "befreiten Westgebieten Polens" lebende Verfasser unserer Veröffentlichungsreihe hat in der vorigen Ausgabe der "Zeit" den Auszug der Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten dargestellt und dargetan, wie sich heute die Bevölkerung in den alten deutschen Gebieten zusammensetzt. Die Deutschen ließen dort ihre Heimat und ihren Reichtum zurück. Wie kommt es, daß die heutigen Bewohner dieser Gebiete arm sind?

Natürlich prallen die Gegensätzlichkeiten der Anschauungen,Gewohnheiten und Bedürfnisse hart aufeinander. Keiner findet des anderen Art erstrebenswert, ja oft nicht einmal erträglich. Mancher wundert sich, daß sein Nachbar ein "Pole" sein soll, da er seinem eigenen Bilde des Polentums nicht entspricht. So kommt es, daß beinahe jeder sich heimatlos fühlt, und zwar aus recht verschiedenen Gründen: die "Autochthonen" und Deutschen, weil ihre angestammte Heimat das Gesicht vollkommen geändert hat und sie selbst nichts unternehmen dürfen, was den alten Zustand wiederherstellen könnte; die polnischen Ostvertriebenen, weil sie gute gegen mindere Böden und ein besseres Leben gegen ein schlechtes eingetauscht haben (wobei sie nicht gelten lassen, daß es ihnen heute auch zu Hause schlechter ginge als vor 1939); die Repatrianten, weil ihr Dasein in den "befreiten Westgebieten dem Sehnsuchtsbild der Heimat Polen, um dessentwillen sie der geschickten Propaganda (mit Villenprospekten zur Auswahl und so weiter) gefolgt sind und oft gutbezahlte Stellungen im Ausland verlassen haben, in keinem Punkt entspricht; die "Unterwelt" schließlich, weil die gigantische "Beute" in Ostdeutschland heute längst ausgeschlachtet ist, die staatliche Ordnung sich aber inzwischen konsolidiert hat und sie zu schlecht bezahlter Arbeit zwingt. Jeder wartet auf eine Änderung – viele furchtsam auf Krieg, manche optimistisch auf die endgültige Anerkennung der "Friedensgrenze" und den dadurch erwarteten Aufschwung; alle aber warten auf ein "Wunder". Diesen Menschen (mit Ausnahme der kommunistischen Spitzenfunktionäre, deren Blick durch die gläserne Wand Warschau hindurch auf Moskau gerichtet ist) ist die Erkenntnis gemeinsam und wird durch die tägliche Erfahrung in Beruf und Familie immer wieder bestätigt: Sie leben in einem Niemandsland, das nicht Polen ist. Reichtum für drei Jahre