Von Renate Lienau

Nach manchem Tag, da ich ihren Schritten, den stets wie flüchtenden, wenn sie den Bahnsteig verließ, nachgesehen hatte, erklomm ich eine Stiege matten Mutes und trat an sie heran. Ihre grauen Hände griffen nach dem windigen Tuch, das auf den Schultern über ihrem Mantel lag, und zogen es fest vor der Brust zusammen, als gelte es, das eigene Herz zu verhüllen. „Warum winken Sie?“ und schon wurde ich kühner unter dieser Frage. „Warum sehe ich Sie Tag um Tag an der gleichen Stelle – auf diesem lärmerfüllten Bahnsteig stehen und gehen und die Hand heben und das Taschentuch darin – warum dieses Abschiednehmen Tag um Tag?“