Von André Gide

André Gide ist dem Dichter Verlaine dreimal begegnet. Das erstemal, im Januar 1890, besuchte er ihn mit seinem Freunde Pierre Louys zusammen in Broussais. Über diese Pilgerfahrt hat Louys in der Zeitschrift "Vers et Prose" einen getreuen Bericht veröffentlicht. Die zweite Begegnung fand einige Zeit später in Paris, im Café Voltaire am Odéon-Platz statt.

Es war zu bereits später Stunde, und Verlainewar betrunken. Dies konnte er übrigens zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht sein. Wir befanden uns bereits im Café, als er plötzlich eintrat, ihm zur Seite Casals, sein getreuer Gefährte. Eingehüllt in einen sehr weiten Überrock, wirkte er wie ein Riese. Wir alle standen. Er trat dicht an Regnier heran, packte ihn an der Weste oder an der Krawatte und sagte, ihn scharf anblickend: "Dich, mein Kleiner, dich erkenne ich wieder. Du heißt Henri de Régnier." Es bedeutete gewiß eine seltene Ehre, von Verlaine wiedererkannt zu werden. Regnier aber, durchaus Weltmann und mit überaus vollkommenen Manieren, schien etwas betreten durch diese der Trunkenheit entsprungene Vertraulichkeit und das unvermittelte Du; er war ungehalten und wich ein wenig zurück, ohne indessen sein Lächeln aufzugeben; immerhin war er geschmeichelt, doch bestrebt, etwas Distanz zu wahren ... Und dann verspürte Verlaine wohl die schreckliche Wirkung des Alkohols. Er sprach an jenem Abend kein weiteres Wort mehr zu uns. Sich von Regnier, sich von dieser Welt abkehrend, ließ er sich, mit verschwommenem Blick, in einer Ecke niedersinken.