Wie aufnahmebereit die westliche Welt im Augenblick für die Belgrader Propagandathesen auch immer sein mag, Tito kann sich damit nicht begnügen. Wie Hitler neben Goebbels noch den Himmler brauchte, so braucht Tito neben Mosch Pijade, aus dessen ausgezeichnetem Kopf jene Thesen stammen, noch den Leka (Alexander) Rankowitsch, der für die Sicherheit sorgt oder für das, was man in einem totalitären Statt so nennt. Ein interessanter Mann. Als er noch als Abadjia, das heißt Trachtenschneider, in seinem bei Belgrad gelegenen Geburtsort lebte, war er schon KP-Funktionär. Nach einem längeren – politisch begründeten – Gefängnisaufenthalt eröffnete er eine Schneiderei in Belgrad, die aber nur mehr der Tarnung des Org-Büros der KP galt, dessen Chef Leka inzwischen geworden war. 1941 verhaftete ihn die Gestapo und sorgte dadurch für einen der aufregendsten Zwischenfälle der Besatzungszeit. Sie kam nämlich nicht dahinter, wer dieser Häftling war, der schließlich bei den Verhören derart verprügelt wurde, daß er ins Krankenhaus kam. Wenige Tage später drangen 48 schwerbewaffnete Männer, mitten in der von zahllosen deutschen Truppen und Polizisten besetzten Stadt, am helllichen Mittag in das Krankenhaus ein, entführten den Org-Chef und brachten ihn. nachdem sie einen Gendarm erschossen hatten, in Sicherheit, nämlich in die Villa des Herausgebers der Politika, Ribnikar, der die deutschen Behörden als biederer Verleger monatelang zum besten hielt, bis er schließlich mit seiner reizenden Prager Frau "in den Wald" zu Tito verschwand. Die Aktion hatte Tito, der damals, im August 1941, noch in Belgrad war, persönlich, geleitet. Ihn hatte ein anderer Krankenhäftling, Mitra Mitrovitsch-Djilas, die Gattin des Propagandaministers Djilas und heute selbst Kulturminister in Serbien, verständigt und zu Hilfe gerufen. Tito aber nahm Rankowitsch nach Bosnien mit, wo er im Bürgerkrieg bald eine gewaltige Übuig in dem Geschäft erlangte, das er heute, als Innenminister und Chef der UDBA, früher OZNA, der Staatspolizei also, ausübt. Seine Unbarmherzigkeit, die sich im Augenblick vor allen gegen Kominformanhänger richtet, ist grenzenlos. Seit er für Sicherheit sorgt, also seit 1945, sind nach Moskauer Angaben 550 000 Personen in Jugoslawien verschwunden. Mit welchem Multiplikator die Zahl auch übertrieben sein mag, der Rest steht jedenfalls auf dem Konto Rankowitsch’, der sich nie mit Theorie aufgehalten hat. Der Praxis verdankt er es, daßer heute, mit 40 Jahren, der mächtigste Mann, nach Tito, der wichtigste der Generalobersten Jugoslawiens ist.