Die "Zeit" ist in der Lage, einen Überblick über die Ausdehnung der schweren Zerstörung zu geben, der im Lande Sachsen Schlösser, Museen und Kunstschätze anheimfielen, Von den 540 Schlössern und Herrenhäusern, die der Krieg unversehrt gelassen hatte und die unter Denkmalschutz standen, sind mehr als 400 durch die Bodenreform der Beschlagnahme verfallen. 200 dieser kulturell wertvollen Bauten wurden bis heute zum Abbruch bestimmt.

P. T., Dresden, Anfang November

Gelegentlich sind in Westdeutschland Angaben darüber veröffentlicht worden, wie in Ostdeutschland mit Kulturschätzen verfahren wird. Wenige solcher Notizen genügen, und im Hause des Landesdenkmalamtes zu Dresden nahm die Kriminalpolizei Untersuchungen vor. Sie blieb danach lange Zeit im Hause, um das Personal, den Aus- und Eingang der Post zu überwachen und möglichst die Quellen der nach Westen gedrungenen Nachrichten festzustellen. Zugleich versuchten die offiziellen Stellen, ob sie den Tatbestand nicht verschleiern oder wenigstens verkleinern könnten. Aber der Tatbestand ist, daß im Sachsen der Nachkriegszeit Kulturgüter zerstört oder weggeschleppt wurden, wie dies in der deutschen Geschichte in solchem Umfang noch nie der Fall war. Wir müssen bedenken, daß diese kulturellen Demontagen täglich fortschreiten. Was können die Deutschen im Westen dagegen tun? Nun, sie können Kenntnis nehmen. Und wirklich hat die Tatsache, daß einzelne Nachrichten nach Westen gedrungen sind, gemeinsam mit der passiven Resistenz der Bevölkerung es vielerorts erreicht, daß entgegen dem ursprünglichen Willen der Machthaber eine ganze Reihe von Schlössern und Burgen als "gerettet" angesehen werden kann. Es sind das die ganz großen und vielleicht über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Objekte, wie etwa die Albrechtsburg in Meißen, die Rochsburg an der Mulde, die Burg Kriebstein an der Zschopau. Erhalten blieb ferner eine ganze Reihe von Schlössern und Herrenhäusern, für die sich schnell eine praktische Verwendung finden ließ. So wurden in manchen Schlössern Altersheime eingerichtet, wie in Nischwitz bei Würzen und Hermsdorf bei Dresden, in anderen Kinderheime, in anderen Lungenheilstätten, wie in Waldenburg, in anderen Parteischulen der SED, wie etwa in Biberstein, Rheinsberg, Bärenstein, in anderen Rathäuser oder ähnliche Verwaltungsstellen. Abgesehen davon, daß durch solche Verwendung das, was an ursprünglicher Raumeinteilung noch vorhanden war, dem neuen Zweck entsprechend umgebaut und damit zerstört wird, darf man doch sagen, daß in diesen Fällen wenigstens die Gebäude in ihrem Äußeren und in der Art, wie sie in der Landschaft stehen, bis auf weiteres erhalten bleiben. Doch trifft dieser "Schutz" die Mehrzahl der Objekte nicht.