K. W. Berlin, im November

Die Berliner, die jetzt zwei Abende hintereinander im riesigen Titaniapalast saßen, sind nicht mehr die gleichen wie vor sechzehn Jahren. Und Elisabeth Bergner – ist sie das geblieben, als was die Erinnerung sie bewahrt hat? Ja, das Wunderbare trat ein: die Gewalt der Jahre hatte ihre Erscheinung nur noch gesteigert. Zu einer warmen und sehr konzentrierten Reife gewachsen, stand sie unter der Leselampe, und die Begegnung mit ihrer Stimme erdrosselte alle Vergleiche.

Mit dem Wessobrunner Gebet begann sie, mit der großen Frage der Shawschen "Heiligen Johanna" an Gott, wie lange die Erde wohl warten müsse, bis ihre Heiligen auf ihr wirken könnten, schloß sie eine Programmkomposition, die sichtlich mehr sagen sollte als eine beliebige Rezitationsfolge. Daß sie Schnitzlers "Fräulein Else" las, war der schuldige Tribut an die Erinnerung: diese Figur bleibt immer an den Namen Bergner gebunden. Uns aber wollte scheinen, als habe sie dieses monologische Seelendrama heute erst voll Gestalt werden lassen, nachdem Schicksale wie das der Schnitzlerschen Else durch wesentlich robustere abgelöst worden sind. Aber wie die Bergner hier ohne jede Rezitationsmanier, ohne alle Dramatisierungs-Allüren den Riesenraum zu einer beklemmenden Stille zwang, das sagt alles über die Suggestionskraft dieser Stimme aus.