Auch die Gerichtsmediziner haben nicht immer recht. Zum Beispiel hat Dr. Alfred Esser ganz gewiß nicht recht, wenn er in einer psychologischen Einleitung zu seinen "Berichten eines Gerichtsarztes" (Alfred Esser: "Abwege des Menschen", Staufen-Verlag, Köln und Krefeld) wie folgt definiert: "Unter Seele verstehen wir alles das, was ein Mensch empfindet, wahrnimmt, fühlt, sich vorstellt, will." Wäre das richtig, dann läge die Seele in den Objekten meines Empfindens, meiner Wahrnehmung, meiner Vorstellungen, meines Willens. Ich empfinde zum Beispiel Schmerz, ich nehme einen Tisch wahr, ich fühle Hunger, ich stelle mir die Auszahlung meines Totoscheines vor: es würden nach der Esserschen Definition der Schmerz, der Tisch, der Hunger, der Vorgang der Auszahlung, alles dies würde meine Seele sein. Das bedarf keiner Widerlegung. Eher schon könnte das Subjekt aller dieser Vorgänge die Seele sein; doch wäre auch dies nicht präzis, weil die Behauptung, daß intellektuelle Vorgänge seelische sind, nicht begründet werden kann. Doch sind mit der Seele die größten Philosophen nicht zurecht gekommen, und auch gewisse Formulierungen der Psychologen – zum Beispiel, die Seele sei die Summe der Bewußtseinsinhalte – sind bisher nicht sehr erfolgreich gewesen. Wir erwähnen dies nur, um zu begründen, daß wir den spekulativen Ausführungen des Verfassers weniger Wert beilegen als seinen Berichten aus der Praxis, die eine Anzahl sehr interessanter Fälle enthalten.