Paris, Anfang November

Wie es die vielbeschuldigte Verfassung der Vierten Republik bestimmt, muß jeder neue vom Staatsoberhaupt designierte französische Ministerpräsident sich dem Parlament vorstellen, noch ehe er sein Kabinett gebildet hat. Der kühne Kandidat sitzt oder steht dann ministerseelenallein auf der sogenannten Bank der Regierung, gibt sein Programm und seine guten Absichten bekannt und muß Kritik und Prezisionen heischende Fragen über sich ergehen lassen wie ein Abiturient bei der Prüfung der Reife. Welch peinliche Angelegenheit für einen Erwachsenen, besonders wenn er durch jahrelangen Genuß eines Abgeordnetenamtes oder gar desjenigen der Exzellenz eines Ressorts (dem der Post zum Beispiel) schon ganz durchtränkt ist von gouvernementaler Würde, die sich ja meist auch mit Strenge und Empfindlichkeit paart! Dem Innenminister Jules Moch, der in vielen Ministerien ununterbrochen Inhaber wirklicher Macht war, muß diese Prozedur geradezu als ein Rückfall in seine ministerielle Pubertätszeit erschienen sein und hinterher doppelt demütigend. Konnte es seinen Argusaugen doch nicht entgangen sein, daß seinem Examen durch die Abgeordneten eine Rotte Studenten beiwohnte, die sich in den Sitzungssaal zu stehlen verstanden hatte, es waren dieselben jungen Leute, mit denen Mochs Polizei im Quartier Latin ununterbrochen auf Kriegsfuß steht! Hat die Studentenschaft doch alle möglichen Gesinnungen – volksrepublikanische, gaullistische und kommunistische, nur eine Gesinnung hat sie nicht –: die sozialistische; und selbst parteilos ist sie jedenfalls immer gegen die Polizei eingenommen: das ist ihnen Ehrensache ...