Im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, wurde eine Ausstellung "Chinesische Malerei der letzten vier Jahrhunderte" eröffnet, die bis zum 9. Januar 1950 gezeigt wird.

Im klassischen China galten vier Dinge als Kunst: Schreiben, Malen, Dichten und Musizieren. Die Schrift nahm darunter den ersten Rang ein, denn ihr eignen hohe künstlerische Züge. Nicht allein die Bildhaftigkeit der ursprünglichen Zeichen, auch die Komposition der einzelnen Linien und Punkte in ein gedachtes Rechteck erfordert Sicherheit der Hand und des Gefühls für Aufteilung und Harmonie, abgesehen vom persönlichen Ausdruck. Das Schreiben lernten stets nur wenige, anfangs allein die Priester, und etwas von der ursprünglichen Heiligkeit der magischen Beschwörung durch das Schriftbild haftet dem Geschriebenen bis in die Gegenwart hinein an. Damit der Lernende seinen Blick für Aufteilung und Komposition der Zeichen schärfe, ließ man ihn gern zugleich Bilder malen: einen Bambuszweig, eine Orchisblüte oder einen Fels, hineingestellt in eine gegebene Malfläche. So besaß jeder, der schreiben konnte, von Anfang an die gründlichste handwerkliche Ausbildung auch für das Malen, das mit den gleichen Mitteln, den gleichen Pinseln auf denselben Papieren und Seiden erfolgte; und ebenso besaß er bereits einen Vorrat geläufiger Bildvorwürfe, die jeder Schriftkundige und Gebildete auch in ihrer sinnbildlichen Bedeutung kannte. Dieser Kreis der Schriftkundigen, in der Regel immer wieder aus den eigenen Reihen ergänzt, bildete nun zugleich die führende Gesellschaft Chinas; er stellte die an der konfuzianischen Staatsweisheit geschulten Mandarinen und Minister, die Generäle und Hofbeamten. Sie alle dichteten und malten, schrieben Essays und musizierten zu ihrem eigenen und ihrer Freunde Vergnügen; Malen auf Auftrag oder gegen Bezahlung lehnten sie ab, wie sehr auch die Werke bekannt gewordener Talente oder Verstorbener mit Gold aufgewogen wurden. Die chinesischen Maler waren so, allgemein gesehen, die einzigen freien Künstler der Welt, die ihre Kunst nur übten, wenn es ihnen gefiel, wenn sie sich getrieben fanden, ohne Rücksicht auf Erwerb, öffentliche Anerkennung oder Auftrag. Diese Tatsachen – die gründliche handwerkliche Vorbildung von Jugend an (die chinesische Schrift ist ein harter Lehrmeister) und die gesellschaftliche Unabhängigkeit der schriftkundigen Maler – erklären vielleicht am ehesten die Eigenart und Andersartigkeit der chinesischen Malerei.