Witten an der Ruhr, eine mittlere Industrier Stadt, die noch am Ende des Krieges seine zerstörenden Kräfte an sich hat erfahren müssen, bot mit der Wiederaufnahme der auch vor dem Krieg überlokal bedeutsamen zeitgenössischen Kammermusiktage vor jeder größeren Stadt das Beispiel einer heute doppelt beachtlichen fortschrittlichen Gesinnung. Denn einmal ist es heute eine recht undankbare Sache, mit moderner Musik vor die Öffentlichkeit zu treten, und dann widersetzen sich der Durchführung einer mehrtägigen künstlerischen Veranstaltung all die großen und kleinen Tücken, an denen unsere Zeit so reich ist. So konnten auch die Wittener Kammermusiktage nicht ganz nach dem vorgefaßten Programm durchgeführt werden. Die vorgesehenen Kammerorchester-Darbietungen fielen der Verkehrskalamität zum Opfer. So blieb die Vortragsfolge der drei Tage im ganzen auf moderne Klavier- sowie Flötenmusik beschränkt, deren meisterliche Vermittlung dem Pianisten Udo Dämmert und dem Flötisten Kurt Rede! sehr zu danken war. Sie gaben über das kleinformatige Schaffen der letzten zehn Jahre aufschlußreich Auskunft. Soweit es mit den Namen der bereits Arrivierten verbunden ist, wird es allgemein den Weg zu einem starken Formgefühl und zu stärkerem klanglichem Ausdruck andeuten, wie in der klavierbegleiteten Flötensonate Paul Hindemiths aus dem Jahr 1936 oder den reizvollen Präludien, Interludien. und Fugen der Sammlung "Ludus tonalis" desselben Komponisten aus dem Jahr 1944. Eigenwillig kraftvoll geben sich die drei Rondos über Volksweisen des unlängst verstorbenen Béla Bartók, impressionistisch farbig und bewegt eine Klavier-Sonatine Max Trapps und eklektizistisch eine dreisätzige Klavier-Sonatine Karl Höllers zu erkennen.