Unsere Fabriken, scheint es, bleiben gelähmt, in Versammlungen wird viel geredet und noch niemand weiß, was unser aller Schicksal sein wird. Aber in jeder Stadt, ob groß, ob klein, hat es schon Kulturtage gegeben mit dem obligaten Dank an die Militärregierung und der nicht minder obligatorischen Hindemith Aufführung in mehr schlechten als rechten Konzerten. Und die Spötter haben sich, wie zu erwarten war, auch schon darüber mokiert. Wie denn? Was bleibt uns denn anderes, als uns zunächst auf den Geist zu besinnen und uns zu fragen, weiche geistigen Grundlagen vorhanden oder zu schaffen sind, ein neues Leben, aufzubauen. Und wenn bei uns die Leistungen auf dem Konzertpodium und im Theater gemeinhin so ganz und gar mittelmäßig sind, daß uns längst das Ausland in fast jeder Art der Kunstübung den Ruhm" streitig gemacht hat — wie sollte das anders sein nach zwölf Jahren hitlerischer Kunstreaktion und nach sechs Jahren Krieg, die unsese Orchester, Ensembles, Konservatorien und Akademien entnervten und zuletzt zerschlugen? Wie sollte das anders sein nach fast zwei Jahren des Nichtfriedens, da Hunger, Kälte und Mangel an Räumen uns hinderten?, so aufzubauen, wie es not getan hätte? Und dann: Wo sind die Wegweiser? Die Kulturtage allerorts in den vergangenen Monaten haben- uns wenigstens klargemacht, was u?ns fehlt. Sie haben ferner sowohl unter den Auf führenden als auch unter den Gästen, die — und das ist aufschlußreich genug!- — mit wahrer Inbrunst, wenn auch eigentlich ohne sichere Orientierung, sondern gleichsam nur instinktgemäß zu den Stätten der Kunst pilgerten, die erste große klärende Scheidung gebracht: hie die Reaktionären, d e gewohnheitsmäßig oder sehnsüchtig Rückwärtsgewandten, die in die tiefsten Winkel der Romantik flüchten möchten, um aus verzaubertem Gestern ein wenig Licht und Wärme in das ge plagte zweiflerische Heute zu tragen; dort die willigen, besorgten, um neue Klarheit ringenden Menschen der Gegenwart, die immerhin etwas Tröstliches wissen, nämlich, daß Chaos nicht unbedingt Anfang vom Ende sein muß, sondern viel eher Durchgang ist.