Von W. E. Süskind

Früher wohnten die Freunde in der Domstraße. Jetzt wohnen sie auf der Höhe des Hügels, in dem Stadtteil mit dem hübschen Namen Frauenland. Weckt nicht das Richtungsschild "Frauenland" Bilder einer sanften, üppigen Gegend: halb Venusberg, halb Klostergarten? In Wirklichkeit ist es ein Villenviertel, locker bebaut, in Grasflächen und Heimgärten übergehend – der ausgezackte Rand einer industriearmen Stadt der Pensionäre, Kaufleute und Ackerbürger. Die Dämmerstunde senkt ihre kalten, winterlichen Farben ins Tal: ein frierendes Gelb, Rosa, Wasserblau. Über dem Fluß auf der gegenüberliegenden Höhe lagert die Festung im Dunst. In den Häusern dort drunten spärliche Lichter. Sie vermehren sich nicht, sie bleiben einzeln verstreut. Und so wird klar, daß die Stadt dahinter fehlt, daß kein Lichtgeglose anzeigt, wo es in der Altstadt aus Kirchen, Läden, Bürgerhäusern und Kneipeh abendlich zu phosphoreszieren pflegte. Der Abend ist da, aber er weckt nicht, was die Menschen ihm sonst entgegenhalten: das Licht. War die Verdunkelung nicht schon die sündhafte Vorprobe? Stadt ohne Licht ist tote Stadt!