Von Wilhelm Kütemeyer, Heidelberg

Es hat in unserem Europa Zeiten gegeben, da man zwischen Schuld und Krankheit schwer oder gar nicht unterscheiden konnte. Damals redete man von Besessenheit und glaubte an Dämonen, die den Menschen außer sich geraten ließen. In grausamen Gerichtsverfahren suchte man die Besessenen zum Eingeständnis ihrer dämonischen Verstrickung zu bringen und belegte sie mit den härtesten Strafen.

Demgegenüber ist es der Stolz der Neuzeit gewesen, sich von dem zu befreien, was man dann die "Mythologisierung der Krankheit" nannte. Es gelang auch, die Krankheit objektiv zu erfassen und sachlich zu behandeln; es gelang, sie in die Technik der Naturbeherrschung einzubeziehen. Man lernte die Seele vom Körper wohl zu trennen. Man vermochte es sogar, den Geisteskranken gegenüberzutreten ohne sich durch die Einmischung von Ethik und Moral den Blick trüben zu lassen. So entstand schließlich als letzter Zweig neuzeitlicher Medizin die Psychiatrie als selbständige Wissenschaft. Der krankhaft psychisch Gestörte war nicht mehr in Gefahr, als Verbrecher angesehen und behandelt zu werden. Es war zutiefst verpönt, sein Leiden mit Schuld in Verbindung zu bringen, anstatt es als Naturereignis zu erklären und zu beschreiben.