Von Kurt Gelsner

Die Menschen von heute gewöhnen sich schnell. "Nun gut", sagt ein Greis von über achtzig Jahren in einer mit Pappe und Blech vernagelten Wohnung der Hamburger Innenstadt, "wir sind noch nicht verhungert. Nun gut, so werden wir eben erfrieren." Nun gut/sagt er. Wieviel Gewöhnung liegt in den beiden Worten!

In der tat, diese Möglichkeit, das Leben zu verlieren, ist in den grausamen Kältetagen vor und nach der Jahreswende so stark in Erscheinung getreten, daß man eine Aktensammlung anlegen konnte. "07" ist die Kennzahl "Kältetode und Erfrierungen". Anfangs sind es nur ein paar Blätter gewesen, aber nun ist schon ein ansehnlicher Band daraus geworden. Natürlich haben nicht alle Opfer der Kälte erfaßt werden-können – beileibe nicht. Mancher ist sanft hinübergeschlafen, ohne daß der "Weiße Tod", wie er früher romantisch hieß, in der Sterbeurkunde Erwähnung fand. Die Toten der Akte sind so eindeutig erfroren, daß niemand zweifeln kann. "Am Stichtag", sagt der Bearbeiter der Akte, "am 13. Januar, hatten wir 26 Kältetode und 101 Frostschäden. Aber das sind Mindestzahlen. Manchen wirdman später finden..." Die Akte 07 ist ein vielbegehrtes Schriftstück. Alle wollen sie sehen, alle wollen ihre Entwicklung verfolgen, alle fragen danach, wenn sie morgens ins Amt kommen: der Senator, der Professor, die Dezernenten, die Verwaltungen, die Militärregierung.