Bemerkungen von Heinrich Herzberg

Sprechen ist eine menschliche Funktion wie Essen, Trinken, Gehen. Und Übertreiben ist eine menschliche Schwäche. Essen wird zur Völlerei, Trinken zum Saufen, Gehen zur Lauferei, Sprechen zur Rederei.

Die Rederei ist eins der Krankheitssymptome unserer Zeit. Je weniger Wahrheitsgehalt eine Aussage hat, um so mehr wird geredet. Je mehr Wörter als Fangarme benutzt werden, die den Angesprochenen wehrlos machen sollen, desto üppiger das Wortkleid. Wenn es möglich wäre, in der Phrase zu ertrinken, wir wären zur Zeit der „Tausend Jahre“ schon längst ertrunken, aber es scheint nicht, daß die Gefahr, in der Phrase zu ertrinken, schon vorüber wäre. Man gibt ein Inserat auf, eine Stenotypistin zu suchen, und aus den Hunderten von Bewerbungsschreiben, schlägt einem der ganze Wortqualm der letzten Jahrzehnte entgegen. Man unterhält sich über Theater oder Politik oder Schwarzhandel: alles wird geläufig formuliert, im einzelnen werden sogar gute und richtige Dinge gesagt, und im ganzen rückt man fünfundneunzig Schritte vor und hundert zurück. Je weniger Worte helfen können, um so mehr werden sie gebraucht: eine Gesamtauflösung, im Reden.