Von LovisH. Loren*

Der einsame Stammgast, der allabendlich im Café Luitpold in München erschien, um die Zeittungen zu lesen, hatte auf dem Grunde seines modischen Zylinderhutes einen Spiegel, in den er von Zeit zu Zeit verstohlen hineinblickte, um sich meines korrekten Aussehens zu vergewissern. Es gab Leute, die sich darüber amüsierten, und doch Wäre es billig und oberflächlich, hierin nur ein belächelnswertes Symptom männlicher Eitelkeit zu eben; denn Henrik Ibsen – er war der berühmte Gast in München dem auch der Kaffeehausbesuch und das Zeitunglesen zur Menschenerforschung dienten, war ein Dichter, in dessen dramatischem Werk das Spiegelvorhalten eine bedeutsame Rolle einnimmt. Als rücksichtslose Gesellschaftskritik, als kühne Vorstöße, zu einer Gesellschaftsreform wurde sein dramatisches Schaffen von den Zeitgenossen aufgenommen, zustimmend umjubelt oder mit Abscheu heruntergerissen; es ist möglich, daß auch er selbst das Theater als eine moralische Anwalt, sich als Lebensreformer, seine dichterische Begabung als ein Werkzeug betrachtete. Doch hat André Gide einmal geäußert: "Wenn wir auch wissen, was wir sagen wollten, so wissen wir doch nicht, ob wir nur das sagten -." Dieser Satz dürfte auch schon vor seiner Zeit Geltung gehabt haben, selbst für sogenannte Naturalisten. Es ist nützlich, sich seiner zu erinnern, wenn uns eines der Hauptwerke Ibsens in überraschender Auferstehung gegenübertritt, wie es jetzt mit "Nora" im Thalia-Theater in Hamburg der Fall war.