Von Ernst Friedlaender

Bei allen Verbänden und Institutionen, die auf öffentliche Meinung; auf Anhängerschaft angewiesen sind, gilt die Gunst der Jugend als der Wünsche letztes Ziel. In besonders hohem Grade trifft das für die politischen Parteien zu. Jede von ihnen bewacht eifersüchtig die andere, ob sie etwa in dieser Konkurrenz einen Vorsprung, gewinnt. Wird an irgendeiner Stelle etwas gesagt oder getan, was des Beifalls der Jugend sicher zu sein scheint, so überbieten sich alle übrigen, in gleicher Richtung noch Radikaleres zu versprechen, noch Auffälligeres zu tun. Als es um die sogenannte Jugendamnestie ging, war das sehr deutlich zu beobachten, aber Ähnliches läßt sich auch bei den verschiedensten Anlässen immer wieder feststellen. Dieser Wettbewerb nimmt in seiner Beflissenheit allmählich peinliche Formen an. Die Jugend wird als ein eigener Stand im Volke erachtet. Und die Angst, ein anderer könne das Rennen gewinnen, läßt kaum Zeit, darüber nachzudenken, ob es überhaupt eine "Gunst der Jugend" gibt, die meistbietend zu erbeuten ist.