In einer Schrift, die der Verlag Lambert Schneider in Heidelberg den Teilnehmern an der zweiten Interzonalen Konferenz der Leiter des Justizwesens, die am 4. bis 6. Dezember 1946 in Wiesbaden stattfand, als Festgabe widmete, hat der großhessische Justizminister Georg A. Zinn zu der Frage Stellung genommen, ob Deutschland noch als Staat existiere. Zinn knüpft dabei an einen im Ausland weithin beachteten Aufsatz des bekannten Staatsrechtslehrers Kelsen an, der früher in Wien lehrte und jetzt an der Universität Kalifornien tätig ist. Kelsen vertritt den Standpunkt, Deutschland sei als Staat untergegangen. Die bedingungslose Kapitulation habe keine andere Bedeutung haben können, als daß mit ihr die Souveränität, auf die Besatzungsmächte übertragen worden sei. Eine Bestätigung – seiner Meldung findet Kelsen in der Erklärung der Berliner Deklaration vom 5. Juni 1945, daß die Regierungen Großbritanniens, der Vereinigten Staaten von Amerika, der Sowjetunion und Frankreichs die oberste Regierungsgewalt in Deutschland übernehmen. In eingehenden historischen und juristischen Erörterungen kommt Zinn dagegen zu dem Ergebnis, daß zwar die Weimarer Verfassung schon durch die sogenannte "Machtergreifung" Hitlers, die keine Revolution, sondern eine Ursurpation gewesen sei, bereits 1933 vernichtet wurde und gegenwärtig Deutschland auch im völkerrechtlichen Sinne nicht als souverän betrachtet werden könne, da ihm international eine unumschränkte Handlungsfreiheit fehle, aber er weist nach, daß .weder die Verfassung es ist, die den Staat ausmacht, noch überhaupt heute im Zeitalter der UNO dem allgemein fragwürdig gewordenen Begriff einer internationalen Souveränität Bedeutung zukomme, da es keinen Staat mit unumschränkter Handlungsfreiheit mehr gebe und moderne Verfassungen wie die französische vom 13. Oktober 1946 sogar von sich aus mindestens die Beschränktheit der Souveränität anerkennen.