An der großen Ausfallstraße, die durch die schwer zerstörte Vorstadt Rothenburgsort JaieMarsch- und Vierlande, liegt, fast schon am Stadtrand, eine kleine Bretterbude, die Notunterkunft eines ausgebombten Geschäfts, das, wie das schön gemalte Ladenschild besagt, "Obst und Gemüse" zu verkaufen hat. An der Tafel neben dem Eingang steht mit Kreide angeschrieben: "Heute Sauerkraut — Trockengemüse!" So zu lesen im Juli 1946, unmittelbar vor der Einfahrt ins reiche Gemüseanbaugebiet der Vierlande . Der ganze Jammer der ungenügenden Versorgung der Städte, speziell Hamburgs, mit Frischgemüse (und Obst) wird hier angesichts der unscheinbaren Tafel klar. Dazu paßt ausgezeichnet die Tatsache, daß heute noch, im Juli, in Hamburger Gaststätten — als Gemüse "Ersatz" — Kohlrübenmus gereicht wird, während doch ein alter pommerscher Erfahrungssatz lautet, daß der Landwirt, bei dem die Kohlrüben nicht bis zum 15. Februar reichen, schlecht gewirtschaftet hat und daß der Landwirt, der nach dem 1. März immer noch Kohlrüben verfüttert, seine Kühe und sich selbst betrügt: weil mit dem "beginnenden Frühjahr die Kohlrübe nur noch Zellstoff und Wasser, praktisch aber keine Nährstoffe mehr enthält.