Bei uns bekommen die Ärzte jetzt Schwerarbeiterzulage, heißt es. Die Neuigkeit wäre schon einige Anmerkungen wert. Aber gerät der Nichtprivilegierte, der sich zu einem Privileg äußert, nicht augenblicklich in den Verdacht der Mißgunst? Wagen wir’s darauf!

Was wäre das Neue? Daß zum erstenmal, seit die Mark entrechtet wurde, ein geistiger Beruf bei uns ernährungsmäßig bevorrechtet wird. (Vom "Diplomatenhaushalt" letzthin und seinen der Öffentlichkeit gegenüber, amtlich abgeleugneten Nutznießern gebietet Ironie zu schweigen.) Aber wir leben in Umständen, in denen oft selbst das Gutgemeinte und an sich Richtige bei der Verwirklichung irgendwie schief gerät, und so geschieht es, daß jetzt auch dieser erste Fall legitimen Avancements zum Schwerarbeiter seine Ironie hat. Denn unter allen Studierten war natürlich der Arzt derjenige, der sich auch bisher schon "besser" gestellt hat, weil die Dankbarkeit von Patienten der fleischlichen, fetten und mehligen Observanz vor entsprechenden Erweisen selbst in hartherzigen Zeiten wie heute nicht zurückschreckt. Wer liebte auch nicht sein Leben und den, der’s einem erhält! Besonders auf dem Lande dürften die Opfergaben an den Leibsorger denen, die der Seelsorger empfängt, kaum nachstehen – womit wir aber keineswegs in eine Diskussion über die metaphysischen Qualitäten von Schmalznudeln einzutreten gedenken. Immerhin läuft mir noch in der Erinnerung das Wasser im Munde zusammen, gedenke ich des Onkel Landdoktors, der mir neulich ganz arglos mit einem Frühstücksbrot entgegentrat, auf dessen Buttergletscher sich Käseblöcke von den Dimensionen des grönländischen Inlandeises türmten – von welcher kulinarischen Landschaft der liebe Gute Stück um Stück abbiß, was vielleicht auch ein Heilvorgang ist, nur nicht für knurrende städtische Besuchermägen.