Von Reinhold Koester

Es ist mir in der Geschichte der Literatur kein Fall bekannt, daß ein Schriftsteller denselben isländischen Autor zweimal übersetzt hätte – jedenfalls darf ich den merkwürdigen Ruhm für mich in Anspruch nehmen, der einzige zu sein, er in seinem Leben zwei Moliere-Übersetzungen gesschaffen hat. Daraus ergibt sich freilich die weniger rühmliche Folgerung, daß die erste (zum mindestens nach meiner Auffassung) nicht ganz zufriedenstellend ausgefallen sei. Eigentlich müßte ich also, um die zweite Übersetzungsarbeit zu rechtfertigen, die erste verurteilen –; aber das kann ich mit gutem Gewissen nicht tun. Ich sehe meine beiden Arbeiten mit den Augen eines Malers, der dasselbe Motiv, das er in der Jugend gemalt hat, im Alter noch einmal gestaltet; der Wert des Jugendbildes wird nicht dadurch herabgewürdigt, daß er das Alterswerk für die reifere und in sich vollendetere Arbeit hält.