Von Georg Meyer

Wie jetzt bekamt wurde, ist in Nordamerika der Philosoph Ernst Cassirer im 72. Lebensjahre einem Herzleiden erlegen.

Ernst Cassirer hat bis 1933 in Hamburg gelehrt, nahezu anderthalb Jahrzehnte. Mit entschlossenem, glückhaftem Zugriff verpflichtete die junge Universität, ein Kind der Jugendnot und des schon älteren, immer wieder gehemmten Willens der Hansestadt zum Geist, gleich nach ihrer Gründung im Jahre 1919 den Mitte der Vierziger stehenden Philosophen aus Berlin. Schon damals galt Cassirer als führender Kopf auf dem Gebiet der Erkenntnislehre und -kritik, speziell der exakten Naturwissenschaften und der Mathematik wie der Philosophiegeschichte in allen ihren Teilen, vornehmlich der Leibniz- und der Kantforschung. Als er Hamburg verlassen mußte, auf der Höhe der Meisterschaft und im Vollbesitz seiner ungewöhnlichen Geisteskräfte, war er ein Stern erster Größe am Himmel der Philosophie, die er wieder zur Königin der Wissenschaften gemacht hatte; und seine Leistungen wurden auch, von philosophischen Gegnern, die auf diesem Felde um der Sache selbst willen niemals fehlen dürfen, vorbehaltlos anerkannt. Darum geriet man in nicht geringe Verlegenheit, als die Welle des Antisemitismus heranrückte und auch die Burgen des Geistes zu ergreifen drohte. Cassirer aber, weitblickend und trotz seiner wundervollen Konzilianz ein echter "Professor", was bekanntlich "Bekenner" heißt, mußte dem politischen Druck weichen. In Schweden nahm man ihn mit offenen Armen auf und räumte ihm einen persönlichen Lehrstuhl ein. Von dort ist er später nach Amerika gerufen worden, nach den Vereinigten Staaten, wo damals so mancher bedeutende deutsche Gelehrte eine neue, lichtvollere und dankbarere Heimat fand. Amerikanische Erde deckt jetzt seine irdische Hülle zu.