Entgegen den Voraussagen der Wahlpropheten haben die holländischen Kammerwahlen vom 17. Mai an der innenpolitischen Struktur der Niederlande so gut wie nichts geändert. Wiederum sind es die Katholiken, die als stärkste Partei in das Parlament einziehen. Bei fast allen Parteien ist auch diesmal die für holländische Verhältnisse typische Stetigkeit in der Zahl der Parlamentssitze zum Ausdruck gekommen, mit einer Ausnahme freilich, die in ihrer Einmaligkeit für ganz Europa bedeutsam ist. Die Sozialisten haben diesmal mit 29 Sitzen über 28 v. H. der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt. Während aber in den Jahren bis 1937, dem Zeitpunkt der letzten Wahlen, die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei" in den Wahlkampf ging, stellte sich 1946 eine neue Bewegung den Wählern vor: die "Partij van de Arbeid", zu der sich Anfang des Jahres die Sozialdemokraten mit einer ganzen Reihe kleinerer Mittel- und Rechtsparteien vereinigt haben. Mit dieser Fusion hörten die holländischen Sozialisten auf, Sozialisten im bisherigen Sinne zu sein. Sie verzichteten auf die marxistische Lehre und die Klassenkampftheorie. Sie zogen damit die Konsequenzen aus den Realitäten der Nachkriegszeit, die augenscheinlich mit den alten Theorien nicht mehr in Einklang zu bringen sind.