Von Josef Marein

Nach langer Pause wurde in Hamburg, und zwar im 11. Philharmonischen Konzert, eine Komposition von Igor Strawinsky aufgeführt: das Konzert in Es für Kammerorchester, betitelt "Dumbarton Oaks", das der Komponist im Jahre 1938 in den Vereinigten Staaten schrieb.

Was ist geschehen? Strawinsky schrieb ein Konzert "in Es"? Sollte er, der gleich Hindemith und dem besten Teil der zeitgenössischen Musikschaffenden im "Deutschland der tausend Jahre" abgelehnt wurde, weil er "atonal" war, inzwischen zur Tonart, zur Tonalität zurückgekehrt sein? Hellmut Schnackenburg, der Gast aus Bremen an der Spitze der Hamburger Philharmoniker, sah nur einen Extrakt des Orchesters um das Dirigentenpult versammelt: einfach besetzte Holzbläsergruppe, zweifach besetztes Streichquintett, dazu zwei Waldhörner. Darin also hat Igor Strawinsky sich nicht geändert, daß er, der mit großem Orchesteraufwand à la "Feuervogel" begann, konsequent zu kammermusikalischen Formen strebte. Und siehe: mit einer Handvoll von Instrumenten verwirklicht dieser Zauberer der Sachlichkeit nun einen Farbenreichtum der Register, der aufregende Verblüffung hervorrief und der dabei mehr als einmal auch wieder an die orchestralen Kunststücke in "Feuervogel", "Petruschka" oder "Sacre du Printemps" erinnert. Nur in einer Hinsicht hielt der Titel nicht, was er versprach: natürlich steht dieses Kammerkonzert nicht in Es-dur, wie man bei pedantischer Auslegung erwarten könnte, vielmehr hat Strawinsky es hier ähnlich gehalten wie in seiner "Serenade in A", in der auch nicht etwa eine Tonart gemeint war, sondern ein "dingender Pol", nach welchem die Komposition gavitierte. Und jener Pol ist in diesem Falle das "Es".