Von Annalise Schmidt

Marburg, im Mai

Die Marburger Ecke ist verschlossenes Binnenland, auch wenn wieder D-Züge von Paris über Frankfurt, Kassel, Berlin nach Moskau gehen. Binnenland mit Bäumen, alten, hohen Bäumen von einer Heiligkeit, wie die Griechen sie den sprachbegabten Eichen von Dodona zusprachen, eine Landschaft, in der sich die Bevölkerung ungemischter durch die Jahrhunderte erhalten hat als in den meisten andern deutschen Landschaften. Die Bauern haben oft Gesichter, eigenartig schön, wie die des Adels, nur scharf gezeichnet von harter Arbeit die keinem echten Bauern erspart bleibt, und von tiefem, heimlichem Hochmut auf ihre Familien und ihre Höfe, auf denen sie seit Generationen sitzen. Sie sind kein Triebsand, hin und her schwemmbar durch Propaganda. Die Gemeindewahlen haben es bewiesen, die, wenn auch ohne große allgemeine Bedeutung, bestätigten, daß ein konservativer demokratisch-christlicher Schlag auf diesem Lande immer noch sitzt, in diesen Dörfern, wo es uns geschehen ist, daß wir, als Vorbeiwandernde am Sonntagsgottesdienst teilnehmend, von den Gemeindemitgliedern, den Bauern zum Mittagessen eingeladen wurden, nicht aus Neugierde, sondern aus Freude an unserer Gemeinschaft. Es ist ein eher kalvinistisches als lutherisches, trockenes, konservatives, vernünftiges und das Seine sehr zusammenhaltendes Bauerntum, das auf diesem alten chattischen Lande lebt. Ideologien haben über sie keine Gewalt, den realen Sinn des Lebens halten sie fest. Die Dorfkinder gewiß rufen dem Vorbeigehenden zu: "How do you do?" und grinsen vergnügt, aber die jungen Landmädchen sind von gelassener, ganz unzerstörter Mädchenhaftigkeit trotz einstiger Studenten und jetziger amerikanischer Soldaten.