Einer der namhaftesten und tiefgründigsten Theologen des 19. Jahrhunderts, der in Heidelberg lehrende Richard Rothe (1799-1867), Schüler Hegels und Schleiermachers, war der Meinung, daß mit der Reformation das Christentum in das wesentlich nicht kirchliche Stadium seiner Entwicklung" eingetreten sei, dergestalt, daß die eigentliche christliche Lebensbewegung keine kirchliche Tendenz hat und also-die christliche Gemeinschaft nicht als kirchliche sucht". Der Protestantismus ist nach Rothe gerade deshalb eine höhere Stufe des Christentums, weil mit der Reformation die Entkirchlichung des Christentums beginnt. Die Kirche sei eine ständig unerträglicher werdende Fessel für das christliche Leben. An die Stelle der Kirche habe der Staat zu treten, freilich nicht der empirische Staat, sondern eine von den sittlichen und religiösen Kräften des Christentums gänzlich durchdrungene und erfüllte "Totalität von nationalen Staaten", die "Christliche Welt". Das ist der Sinn von Rothes Satz: "Das Christentum ist wesentlich ein politisches Prinzip und eine politische Kraft." Es hat die Kraft der Weltgestaltung und Weltdurchdringung. Daher muß und kann die Kirche als Sonderorganisation des religiösen Lebens überflüssig werden und aufhören, wie umgekehrt die fortschreitende Christianisierung des Staates der Prozeß seiner Entsäkularisierung ist.