Von Richard Tüngel

Ein Jahr ist verstrichen, seitdem die deutsche Armee kapituliert hat. Ist dies nur ein Datum der Erinnerung, an das sich mancherlei Betrachtungen anknüpfen lassen, oder können wir aus dem, was in diesem Jahr geschehen ist, heute schon erkennen, ob sich ein ‚Weg abzeichnet, auf dem wir vorwärtsschreiten, ein Weg, der aus dem Chaos heraus und nicht tiefer hineinführt? Die Vergangenheit so zu betrachten, heißt den Blick nicht auf die Zeit der Naziherrschaft richten, der vor einem Jahr ein Ende gesetzt wurde, sondern eben auf dieses Freiheitsjahr Nummer eins, wie wir es analog-den Jahren der Französischen Revolution bezeichnen könnten. Nun ist es mit geschichtlichen Analogien, die sich billig darbieten, meist so, daß sie nicht stimmen. Dennoch sind wir geneigt, uns ihrer immer wieder zu bedienen, um einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus wir urteilen können.