Vor fünf Jahren, am 5. Mai 1941. starb der Nachfolger S. Jacobsohns in der Leitung der "Weltbühne", Carl v. Ossietzky, der Träger des Friedensnobelpreises von 1933.

Hierwird das beste moderne Deutsch geschrieben", sagte Kurd Wenkel, damals Bilanzkritiker in der Handelsredaktion des "Berliner Tageblattes", und deutete auf ein kleines rotes Heft, das auf seinem Schreibtisch lag. Dies war meine erste Bekanntschaft mit der "Weltbühne", für die ich später Jahr um Jahr als Mitarbeiter tätig war bis zum letzten Heft, das die beste aller Redaktionssekretärinnen, "die" Hünicke, nach den Aprilwahlen von 1933 noch zusammengestellt und umbrochen hat, und das dann nicht mehr erscheinen konnte, weil die SA dem Blatte ein Ende machte. Ossietzky wurde bald danach aufgegriffen und in eines der Lager im emsländischen Moor gebracht. So war nun auch er "Soldat" geworden: einer von den "Moorsoldaten", wie sich jene KZ-Männer in grimmiger Selbstironie zu nennen pflegten. Theo Haubach, der 1944 als Mitglied der Gruppe Reichwein den Märtyrertod starb, hat uns berichtet, wie Ossietzky, der nun wirklich nicht für schwere körperliche Arbeit unter primitivsten Lebensbedingungen geschaffen war, tapfer und mit melancholischem Spott, erfüllt von Sehnsucht nach seinem geliebten Berlin, das schwere Los des "Moorsoldaten" getragen hat. Aus jener Zeit stammt auch das Wort, das er zu der damals aufkommenden Sprachverwilderung und Sprachzersetzung der Hitler-Ära zu sagen hatte: "Wenn es nach mir ginge, dann müßten sie erst richtiges Deutsch lernen – und das lebenslänglich!"